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Kritik: Queercore - How to Punk a Revolution (2017)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Dieser Dokumentarfilm von Yony Leyser ("Desire Will Set You Free") beleuchtet die in den 1980er Jahren in Amerika entstandene Subkultur des queeren Punk. Die Filmemacher_innen Bruce LaBruce und G.B. Jones, sowie zahlreiche Musiker_innen wie Jon Ginoli von Pansy Division, Jody Bleyle von Team Dresch, Kathleen Hanna von Bikini Kill zählen zu den Interviewten, die ihre Erinnerungen Revue passieren lassen. Hinzu kommt viel Archivmaterial mit Ausschnitten aus Szene-Filmen und Konzerten. Ausgiebig wird auch in den selbstgemachten Fanzines einer Ära geblättert, in der Internet und Social Media noch unbekannt waren. Die Zeichnungen in den Magazinen werden gelegentlich animiert und wirken dadurch in ihrem Ausdruck sehr präsent.

Der 1984 geborene und in Amerika aufgewachsene queere Filmemacher Yony Leyser, der mittlerweile in Deutschland lebt, war in seiner Jugend ein begeisterter Anhänger der Punkkultur. Er verteilte seine eigenen Fanzines, die sich an den Vorbildern aus den 1980er Jahren orientierten. Man merkt dem Film, der sich gerne auch in Details und einzelne Begebenheiten vertieft, an, dass er von einem Kenner der Szene gemacht ist. Die Statements betonen oft die revolutionäre Stoßrichtung dieser Subkultur, die nicht die Akzeptanz der Gesellschaft, sondern deren Umsturz im Sinn hatte. Interessant sind vor allem auch die Aussagen von Musikerinnen, die auf der Bühne die erste Möglichkeit fanden, die gesellschaftliche Ächtung als Lesben abzuschütteln. Der Queercore war ein Experimentierfeld der Selbstdarstellung und auch der sexuellen Provokation, die nicht nur in den Songtexten, sondern auch als Teil des Bühnenshow stattfand.

Dieses filmische Porträt einer mutigen, rebellischen Szene leistet einen wichtigen Beitrag zur Geschichtsschreibung des Punkrock und der Queerbewegung. Aber der Blick bleibt oft sehr eng auf die einzelnen Protagonisten gerichtet, sodass ein Publikum mit wenig Vorkenntnissen leicht den Überblick verliert. Auch hätte es noch mehr Musik geben dürfen. Die Konzertausschnitte sind oft sehr kurz und der ganze Film, besonders aber seine erste Hälfte, wirkt wortlastig. Das bringt das analytische, kultursoziologische Interesse Leysers, das mehr die Queercore-Bewegung als Phänomen und weniger speziell ihre Musik meint, mit sich.

Fazit: Der Dokumentarfilm von Yony Leyser schildert die Entstehung des queeren Zweigs der amerikanischen Punk-Kultur in den 1980er und 1990er Jahren. Bevor sie sich später dem Mainstream annäherte und anderen Musikeinflüssen öffnete, war die Queercore-Bewegung gelebte Rebellion gegen eine Gesellschaft ohne ausreichende sexuelle Vielfalt. Dank seiner vielen Gesprächspartner spannt der Film einen Bogen von Gründerfiguren der Szene wie dem Filmemacher Bruce LaBruce über die Riot Grrrls der 1990er bis in die Gegenwart. Mit akribischem Sammeleifer trägt er auch Interessantes aus Fanzine-Artikeln und Bühnenshows zusammen, beachtet aber die Musik selbst oft zu wenig.





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