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Manifesto
Manifesto
© DCM GmbH / Julian Rosefeldt und VG Bild-Kunst

Kritik: Manifesto (2017)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 5 / 5

Julian Rosenfeldts aufwendige und künstlerische Film- und Videoprojekte sind nur selten in Kinos zu sehen. In aller Regel finden sie ihren Weg in Museen und Kunstausstellungen. So war es auch bei der jüngsten Arbeit des 52-jährigen Müncheners. Die Videoinstallation "Manifesto", die aus 13 je zehn Minuten und 30 Sekunden langen Kurzfilmen besteht, wurde in einigen deutschen Kunsthäusern und Galerien präsentiert. Dass das Experimentalwerk nun auch seinen Weg auf die große Leinwand findet ist ein Glück, wird somit doch erneut die große Wandlungsfähigkeit von Hollywood-Superstar Cate Blanchett deutlich. Die Dreharbeiten begannen im Winter 2014 und führten das Team an unterschiedlichste Drehorte in und um Berlin, darunter: der Friedrichstadtpalast, der Teufelsberg oder auch die Humboldt-Universität.

Der Film "Manifesto" verläuft – anders als die Videoinstallation in den Kunstgalerien – linear. Dort wurden die Kurzfilme parallel auf zwölf Monitoren gezeigt, ein dreizehnter untermalte die Szenerie mit Tönen und Klängen. Auch wer die Installation nicht gesehen hat, wird von "Manifesto" begeistert sein – vorausgesetzt, man lässt sich auf den intellektuell höchst herausfordernden Inhalt ein. Doch allein Cate Blanchett in ihren vielseitigen, bunten Rollen zu erleben, ist ein Erlebnis. Wie selbstverständlich schlüpft sie im Minutentakt in Figuren, die teils nicht unterschiedlicher sein könnten. Vor allem auch hinsichtlich der sozialen Schicht, des gesellschaftlichen Status und natürlich ihrer Optik: neben den weiter oben bereits erwähnten Charakteren, tritt sie im Film u.a. noch als tätowierte Punkerin, Brokerin oder auch Nachrichtensprecherin auf.

Mal scheinen die einzelnen Episoden keinerlei Zusammenhänge zu haben, mal aber sind sie inhaltlich lose verbunden. Etwa durch eine Reporterin, natürlich auch von Blanchett verkörpert, die für die Nachrichtenmoderatorin in der Welt unterwegs ist. Alle im Film vorgetragenen Manifeste spiegeln politische oder künstlerische Strömungen wieder, die im Laufe des 20. Jahrhunderts entstanden: von der avantgardistischen Kunstbewegung des Futurismus aus dem frühen 20. Jahrhundert bis hin zu Jim Jarmuschs Regelwerk über das Filmemachen (2004). Wer als Zuschauer mit einigen dieser Kunstrichtungen und Manifesten vertraut ist, ist anderen gegenüber leicht im Vorteil. Voraussetzung für das Verständnis des Films und seiner Aussage, ist dies aber nicht.

Denn vielmehr geht es in "Manifesto" auch darum, die aus den differierenden Zeitabschnitten eines kompletten Jahrhunderts entstandenen Texte und deren Inhalte, auf teils alltägliche Gegenwartsszenarien treffen zu lassen. Das macht den großen Reiz des Films aus. Wenn die Punkerin etwa über Chopin spricht oder die Hausfrau am Esstisch über das Pop-Art-Kunstmanifest referiert, dann prallen Welten aufeinander, die auf den ersten Blick nicht zueinander passen. Der Zuschauer ist gefordert, den Inhalt des Gesagten, von der Szenerie zu lösen und Beides getrennt zu betrachten. Eine echte Herausforderung. Aber eine, die sich lohnt.

Fazit: Intellektuell herausforderndes, zutiefst beeindruckendes filmisches Experiment, das wesentliche Kunst- und Polit-Strömungen des letzten Jahrhunderts spannenden Alltagssituationen und Gegenwartsszenarien entgegenstellt.





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