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Kritik: Jupiter's Moon (2017)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Kornél Mundruczó ist Theater-, Film- und Opernregisseur mit Hang zum experimentierfreudigen Stil- und Genremix. "Johanna" (2005) ist eine filmische Oper über die Jungfrau von Orleans, "Tender Son – Das Frankenstein Projekt" (2010) ein Sozialdrama nach Motiven aus Mary Shelleys Schauerroman. Nach "Underdog", für den Mundruczó bei den Filmfestspielen in Cannes 2014 den Preis in der Sektion Un Certain Regard erhielt, legt er mit "Jupiter's Moon" eine weitere außergewöhnliche Mischung nach. War Ersterer politische Parabel, Coming-of-Age-Drama und Horrorfilm, kleidet der Regisseur dieses Mal eine Analogie auf die europäische Flüchtlingskrise ins Gewand eines Mystery-Dramas.

Der Titel erklärt sich aus einem kurzen Text, der dem Film vorangestellt ist. Darin erfahren wir, dass auf einem der 67 Jupitermonde Salzwasser vermutet wird. "Dort könnte die Wiege neuen Lebens liegen", heißt es weiter. "Der Mond erhielt den Namen Europa." Von hier geht es unvermittelt ins Innere eines Lastwagens. Inmitten einer Ladung Hühner harren Geflüchtete aus. Wir folgen Aryan (Zsomber Jéger) und seinem Vater, zwei Syrer, die sich in Europa ein neues Leben erhoffen. Wenige Meter weiter ist damit Schluss. Beim Überqueren eines Grenzflusses fallen Schüsse, Schlauchbote kentern und der Polizist László (György Cserhalmi) verwundet Aryan schwer. Gemeinsam mit Aryan und dem Arzt Gabor Stern (Merab Ninidze) hetzen wir fortan auf der Flucht vor den Behörden durch die Stadt, stets in der Hoffnung, Aryans Vater wiederzufinden.

Wie "Underdog" lebt auch "Jupiter's Moon" weniger davon, was Mundruczó erzählt, sondern wie er es erzählt. Schon der Auftakt ist atemberaubend und zieht uns tief ins Geschehen. Marcell Révs Kamera klebt so dicht an den Figuren, dass wir selbst Teil der Gruppe werden. Scheinbar ohne Schnitt streifen wir mit den Geflüchteten durchs Unterholz, zwängen uns in überfüllte Schlauchboote, kentern bei Nacht und tauchen bei Tag wieder auf, rennen durch den Wald und erheben uns schließlich mit Aryan in die Lüfte. Ein Immersionsgrad, wie wir ihn seit "The Revenant – Der Rückkehrer" (2015) nicht mehr erlebt haben.

Révs elaborierte Kamerafahrten sind denn auch die Höhepunkte dieses Films. Wenn Aryan zu Jed Kurzels Streicherthema wie ein Mond über dem Geschehen schwebt oder um die eigene Achse rotiert, während die Kamera sich dreht, schwenkt, rollt und überschlägt, wenn sich komplette Räume samt Mobiliar in Bewegung versetzen – in dieser Form ist das einzigartig. Unsere Welt, ihre Ordnung ist aus den Fugen. Und ein Geflüchteter könnte ihr Retter sein. "Die Menschen haben einfach verlernt, nach oben zu schauen", sagt Stern zu Aryan. "Wir leben horizontal, in unseren Netzwerken." Dieser desillusionierte, zynische Mediziner steht für eine ganze Generation, die ihren Glauben an eine höhere Macht längst verloren, den an eine politische Wende aber noch nicht gänzlich aufgegeben hat. "Ich glaube an die Auferstehung Ungarns", sagt Stern zwei Zeugen Jehovas im Fahrstuhl und meint damit nicht Viktor Orbáns Vorstellung einer Demokratie.

So frisch und innovativ "Jupiter's Moon" auch aussieht, seine Erzählung hält damit nie Schritt. Zwar gelingt es dem Drehbuch, das Mundruczó erneut mit Kata Wéber verfasste, dieses Mal besser, seine Figuren und Handlungsstränge miteinander zu verbinden. Mit einer Laufzeit von mehr als zwei Stunden ist der Film aber deutlich zu lang. Der Nebengeschichte um einen Flüchtling, der einen Anschlag plant, hätte es nicht bedurft. Auf ihrer Flucht durch Budapest, das Rév in ein fahles, gelbgrünes Licht taucht, drehen sich die Figuren alsbald im Kreis. Wohin der Regisseur mit seiner fantastischen Parabel hinwill, wird nie so recht klar. Faszinierend anzuschaun, ist das trotzdem.

Fazit: "Jupiter's Moon" ist eine außergewöhnliche Mischung aus Drama und Mystery, aus politischer Parabel und religiöser Heilsgeschichte. Regisseur Kornél Mundruzcó erschafft ein visuelles Universum, wie es viel zu selten auf der Leinwand zu sehen ist. Erzählerisch hat der faszinierende Mix allerdings unnötige Längen.




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