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Kritik: The Florida Project (2017)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 5 / 5

Unermüdlich erzählt Sean Baker von den Rändern der US-amerikanischen Gesellschaft, über die Hollywood allzu gern hinwegsieht. Seit der Jahrtausendwende arbeitet der 1971 in New York geborene Independentfilmer fürs Kino und Fernsehen. In Deutschland war bislang nur seine vorletzte Regie "Tangerine L.A." (2015) zu sehen. Baker hatte sie aus finanziellen Gründen komplett auf dem Smartphone gedreht, aber dennoch im Breitbildformat auf die große Leinwand gebracht. Für seinen jüngsten Film ist der Regisseur formal vom Telefon auf 35mm-Kameras umgestiegen, knüpft thematisch aber nahtlos an seine vorangegangenen Werke an. Erneut ist ihm ein kleines Meisterstück des amerikanischen Neorealismus geglückt.

Mit der technischen Veränderung geht eine erzählerische einher. War der von Elektrobeats vorangepeitschte "Tangerine L.A." bereits nach 88 hektischen Minuten vorüber, kehrt in "The Florida Project" Ruhe ein. Lange fließt die episodische Geschichte ohne erkennbares Ziel vor sich hin. Die Kinder um die sechsjährige Moonee (Brooklynn Kimberly Prince) sind zwar ständig in Bewegung. Kameramann Alexis Zabe fängt das Gewusel ihres wilden Sommers jedoch in ausladenden Fahrten, lange gehaltenen, ganz behutsam geschnittenen Einstellungen und wunderbar arrangierten Tableaus gekonnt wieder ein.

Ein weiteres Mal haben Baker und sein Team dafür herrlich schräge Örtlichkeiten gefunden, die sich kein Setdesigner besser hätte ausdenken können. All die Armut, aus der die Kinder unbeschwert das Beste machen, weil sie es nicht besser wissen, spielt sich vor quietschbunter Kitscharchitektur ab. Hier sehen die Eisdielen wie Eiswaffeln und die Motels wie Schlösser oder Raketen aus, die "Magic Castle" oder "Futureland" heißen. Eine realistische Zukunft hat keiner ihrer Bewohner. Baker zeigt ein Prekariat vor Pastell, eine zerrüttete Zuckerwattenwelt nur einen Steinwurf von Disney World entfernt, die Verlierer des amerikanischen Traums vor traumhafter Kulisse, in die schon mal der Schrecken in Form alter pädophiler Männer einbricht.

Wie immer begegnet Sean Baker seinen Figuren auf Augenhöhe. Sein Blick auf die Abgehängten, die ohne soziales Sicherheitsnetz ganz unten angelangt sind, ist mitfühlend und vorurteilsfrei. Einfache Antworten liegen dem Filmemacher fern. Die Unbekümmertheit der jungen Halley (Bria Vinaite) bringt ihre Tochter Moonee in Gefahr, beschert dem Mädchen aber auch all die Freiheiten, die sich ein Kind in einem magischen Sommer nur wünschen kann. Halleys Verhalten zu verurteilen, liegt nah. Es wie die Managerin eines benachbarten Motels untrennbar mit ihrer sozialen Schicht in Zusammenhang zu setzen, wäre hingegen zynisch. Und wenn Baker schließlich nach und nach offenlegt, wie viel Halley für Moonee zu geben bereit ist, sind eindeutige Positionen längst nicht mehr zu halten. Wie Sean Baker und sein Koautor Chris Bergoch das geschrieben haben, ist große Kunst.

All die kleinen Episoden, die Baker und Bergoch ganz gemächlich zu einem dramatischen Finale verdichten, zeigt "The Florida Project" durch die Augen der Kinder. Dann begibt sich Alexis Zabes Kamera tatsächlich auf deren Höhe. Ihr unverbrauchtes Spiel ist entwaffnend. Dazwischen steht Willem Dafoe als Motelmanager Bobby wie ein Fels in der Brandung. Er ist einer der wenigen Profis im Ensemble, und die grandios aufspielenden Laiendarsteller und Debütanten arbeiten sich wunderbar an ihm ab. Als stiller Beobachter mit traurigem Blick spiegelt Dafoes Rolle, die ihm eine Oscarnominierung einbrachte, die des Publikums. So sehr er auch mit den gestrandeten Seelen seines Motels sympathisiert, ist er als Außenstehender letztlich machtlos. Baker hingegen nutzt seine Macht als Regisseur und zaubert eine Traumsequenz aus dem Hut, die das Publikum bei aller zuvor gesehenen Tristesse zumindest hoffnungsfroh entlässt.

Fazit: Sean Baker lässt "Tangerine L.A." das nächste neorealistische Meisterstück folgen. "The Florida Project" ist ein farbenprächtiges Drama, das mit viel Mitgefühl für seine Figuren durch Kinderaugen auf die Ränder der Gesellschaft blickt. Mitreißend gespielt, bewegend erzählt und gesellschaftlich höchst relevant. Einer der schönsten amerikanischen Filme des noch jungen Jahres.




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