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Die Geister die mich riefen
Die Geister die mich riefen
© barnsteiner-film © Indi Film GmbH

Kritik: Die Geister die mich riefen (2016)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Die Dokumentarfilmerin Diana Näcke ("Meine Freiheit, Deine Freiheit") porträtiert einen Mann, der seit seinem zehnten Lebensjahr in Berlin wohnt und doch zwischen zwei Kulturen zu stehen scheint. Indem sie ihn für den Film auf eine Besuchsreise in das türkische Dorf seiner Kindheit begleitet, versucht Näcke, die psychische Belastung, aber auch die Prägung dieses innerlich einsamen Mannes näher zu ergründen. Zugleich beobachtet sie, wie sich Engin auf dieser Reise verändert, die ihm letztlich dabei hilft, seinen eigenen Standpunkt zu finden.

Der Film kommt dem Porträtierten sehr nahe, besonders auf der langen Autofahrt in die Türkei öffnet sich Engin im Gespräch. Er erzählt von seinen Großeltern, davon, dass er ein Rabauke war, den niemand im Dorf mochte, den der Großvater aber rigoros beschützte. Zu seinem Vater hatte er nie eine so gute Beziehung wie zu seinen Großeltern, die er mehrmals als seine wahren Eltern bezeichnet. Weil Engin, der sehr impulsiv und spontan wirkt, in Rumänien von Ängsten eingeholt wird, denen er unterwegs schlecht ausweichen kann, bricht er die erste Reise ab. Erst die zweite Fahrt führt ans Ziel, wo Engins Freude über die Wiederkehr aus ihm herausbricht. Solche intensiven Momente geben dem Film eine besondere Authentizität.

In der Türkei aber wird bald sichtbar, wie fremd sich Engin mittlerweile dort fühlt. Die Großeltern sind längst gestorben, es gibt wenig fröhliche Momente in den Begegnungen mit anderen. Je länger Engin aber seine Gedanken vor der Kamera äußert, desto stärker kristallisiert sich heraus, wie sehr er dem traditionellen, autoritären Rollenverständnis des türkischen Mannes verhaftet ist. Seine Sprache ist aggressiv. Doch oft setzt sich Engins herzliche Seite wieder durch.

Trotz solcher Beobachtungen stellt sich die Frage, worum es dem Film eigentlich geht, denn er wirkt seltsam unfertig, vage, unschlüssig. Anfangs in Berlin stellt Näcke noch kleinteilige Fragen zu Engins Wohnungseinrichtung, aber später, in der Türkei, hält sie sich zu sehr zurück, wenn es um die wichtigen Themen wie die Einstellung zur Gewalt oder zum dörflichen Verhaltenskodex geht. Engin wirkt streckenweise wie ein Opfer seiner Biografie, das sich selbst kaum reflektiert. Das lenkt den Blick unweigerlich auf die Person hinter der Kamera, die zu wenig strukturiert, sortiert und so auch ihre Absichten im Unklaren lässt.

Fazit: Die Dokumentarfilmerin Diana Näcke porträtiert einen Berliner Deutschtürken und begleitet ihn auf eine Reise in das Dorf seiner Kindheit. Dabei wird sichtbar, wie groß der kulturelle Spagat ist, den der Mann zu bewältigen hat und wie schwierig es für ihn ist, die Entfremdung von der alten Heimat zu erleben. Der Film trägt trotz der emotionalen Nähe zum Protagonisten aber nur bedingt dazu bei, Identitätskonflikte von Deutschen türkischer Abstammung besser zu verstehen. Denn er wirkt in seiner eigenen Haltung zum Porträtierten unklar und macht Unsicherheiten zu selten im Dialog kenntlich.





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