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La Mèlodie - Der Klang von Paris
La Mèlodie - Der Klang von Paris
© Prokino

Kritik: La Mèlodie - Der Klang von Paris (2017)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Dramen, in denen ein Lehrer seinen Schülern die Möglichkeit eines Aufstiegs durch sportliche, naturwissenschaftliche oder musische Bildung in Aussicht stellt, sind bei Machern wie Konsumenten beliebt. Schließlich versichern sich offene Gesellschaften wie die unsere in diesen Erzählungen ihrer Chancengleichheit. Die Antworten, woher das darin beschriebene soziale Ungleichgewicht rührt und wie es überwunden werden kann, fallen oft simpel aus. Meist sind die Elternhäuser arm und ungebildet, die Väter gewalttätig, alkoholkrank oder abwesend, spielen Kriminalität, Drogen oder Religion eine entscheidende Rolle. Am Ende braucht es nur einen engagierten Pädagogen, der mit dem Rüstzeug einer besseren Herkunft all diese Hindernisse beiseite räumt. Regisseur Rachid Hami macht in seinem Langfilmdebüt um viele dieser Klischeefallen einen weiten Bogen und gibt ganz beiläufig mal ungewohnte, meist gar keine Antworten.

Wo in unzähligen Schuldramen Vertreter der Mehrheitsgesellschaft die Minderheit aus ihrem Elend erretten, mühen sich bei Rachid Hami zwei Lehrer mit ausländischen Wurzeln. Zu Rettern stilisiert das vom Regisseur gemeinsam mit Guy Laurent und Valérie Zenatti verfasste Drehbuch weder den von Kad Merad mit ungewohnter Zurückhaltung gespielten Geigenvirtuosen Simon Daoud noch Samir Guesmis Klassenlehrer Farid Brahimi. Die beiden sind zwar eifrig bei der Sache, aber ebenso häufig mit ihrem Latein am Ende. Zum Schluss sind ihre Schüler zwar einen Schritt weiter, haben durch das gemeinsame Musizieren auch etwas über sich selbst, über Gemeinschaft und Zusammenhalt gelernt. Wohin ihr Weg führt, ist aber so offen wie zu Beginn des Films, als Kad Merads stiller, stets den Blick senkender Violinist auf dem Weg zu seinem neuen Arbeitsplatz unvermittelt eine Rolltreppe emporfährt.

Diese offene, unsentimentale Erzählweise ist die große Stärke von "La Mélodie". Simon Daouds Privatleben fügt sich erst langsam wie ein Puzzle zusammen. Vieles davon vermittelt der Film nicht direkt, sondern im Gespräch mit den Schülern, auf die er neben dem Geigenlehrer sein Hauptaugenmerk legt. Doch auch bei dessen Eleven verweilt das Drama beinahe ausschließlich im Unterricht, steigt nur ab und an mit Arnold (Renély Alfred) zum Proben aufs Dach oder blickt kurz hinter die häusliche Fassade. Hier liefert der Regisseur keine Standardantworten. Zwar fehlt dem talentierten Arnold der Vater und ist Simon die Tochter fremd geworden, eine klassische Ersatzvater-Sohn-Beziehung macht Rachid Hami daraus jedoch nicht. Ebenso offen lässt er die Frage, warum der ungestüme Samir (Zakaria-Tayeb Lazab) so aggressiv ist. Von dessen Vater, wie der Film zunächst nahelegt, stammt Samirs Wut jedenfalls nicht. Hier vermittelt "La Mélodie" ganz beiläufig, dass man nicht jedes Verhalten in der Pubertät wirklich sinnvoll erklären kann.

Diese Beiläufigkeit, mit der "La Mélodie" seine Figuren ein Stück auf ihrem Lebensweg ganz unaufgeregt begleitet, hat allerdings einen dramaturgischen Leerlauf und eine gewisse Beliebigkeit zur Folge. Einen klassischen Opponenten, der das Projekt torpediert, gibt es nicht. Tauchen Hindernisse wie ein Jobangebot für Simon oder die Zerstörung des Probenraums auf, werden diese im Vorbeigehen überwunden. Warum sich der Film Simons, Arnolds und Samirs Privatleben herauspickt, Klassenlehrer Farid und seine anderen Schüler aber außen vorlässt, wirkt etwas willkürlich und nie ganz im Gleichgewicht. Ja selbst der Lernerfolg der Schüler folgt nur ansatzweise einer Zuspitzung. Zu häufig wendet das Drama wie ein unkonzentrierter Beobachter seinen Blick und nimmt etwas Neues in den Fokus, um erst später zum anfänglich Betrachteten zurückzukehren.

Fazit: "La Mélodie – Der Klang von Paris" begleitet zwei Lehrer und ihre Schüler, die über das gemeinsame Musizieren zusammenwachsen. Regisseur Rachid Hami geht in seinem Langfilmdebüt manchem Klischee aus dem Weg und inszeniert Kad Merad in einer ungewohnt stillen Rolle. Hamis unsentimentale, beiläufige Erzählung wirkt allerdings ab und an etwas beliebig und unkonzentriert.




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