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Kritik: Wildes Herz (2017)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Schauspieler Charly Hübner ("Das Leben der Anderen", "Polizeiruf 110") stammt aus Mecklenburg-Vorpommern. Dank seiner Theater-, Film- und Fernsehengagements ist er in der Republik weit herumgekommen. Sein erster Kinofilm als Regisseur bringt ihn zurück in seine alte Heimat. Der gebürtige Mecklenburger hat einen Dokumentarfilm über einen Vorpommer gedreht: Jan Gorkow, den Sänger von "Feine Sahne Fischfilet", den alle nur "Monchi" nennen. Die Idee dazu entstand bei der Arbeit an einer Folge der dokumentarischen Fernsehreihe "16 x Deutschland", bei der Hübner erstmals hinter der Kamera stand und "Monchi" einen Gastauftritt hatte.

Hübner und sein Koregisseur Sebastian Schultz nähern sich ihrem Protagonisten unvermittelt und beobachtend. Bis auf wenige Texttafeln, die ein paar historische Zusammenhänge einordnen, verzichten sie vollkommen auf Erklärungen oder Kommentare. Nur äußerst selten fragt Hübner aus dem Off nach. Den Großteil lässt er Jan Gorkow sowie dessen privates und berufliches Umfeld für sich selbst sprechen und das Publikum sich seine eigene Meinung bilden.

Als erzählerischer roter Faden dient Hübner und Schultz die Kampagne "Noch nicht komplett im Arsch. Zusammenhalten gegen den Rechtsruck", für die "Feine Sahne Fischfilet" im Zuge der Landtagswahl 2016 durch die heimatliche Provinz tingelten. Mit den Kameramännern Martin Farkas und Roman Schauerte hat Hübner zudem zwei erfahrene Filmemacher mit an Bord, die jüngst mit "Über Leben in Demmin" einen sehenswerten Dokumentarfilm in die Kinos brachten, dessen Thema auch "Wildes Herz" mehrfach streift.

Die Mischung aus klassischen Interviews, Archivaufnahmen sowie den Gedanken, die Jan Gorkow äußert, wenn ihn die Kamera durch seinen Alltag begleitet, ergibt ein vielschichtiges Bild einer ambivalenten Persönlichkeit. Hübner und Schultz zeigen den Frontmann in all seiner Widersprüchlichkeit, halten mit ihren Sympathien für ihn und seine Sache aber auch nicht hinter dem Berg. Seine Faszination für Jan Gorkow, die Charly Hübner an verschiedenen Stellen bekundet hat, ist seinem Film in jeder Minute anzumerken. Gepaart mit dem beobachtenden Modus ist diese Parteinahme Stärke und Schwäche zugleich.

In Zeiten eines zunehmenden Rechtsrucks ist "Wildes Herz" ein beherzter Gegenentwurf, der seinem Publikum zeigt, dass es auch anders geht, wenn man gewillt ist, sich zu engagieren. In Bezug auf Jan Gorkows ambivalente Persönlichkeit macht es sich der Dokumentarfilm aber auch zu einfach. Zum einen bleiben viele der Widersprüche lediglich von Außenstehenden behauptet, da Gorkow selbst vor der Kamera ein ganz anderes, braves und ausgeglichenes Bild abgibt. Zum anderen hätte ein kritisches Hinterfragen seiner Einstellung zum Rechtsstaat vonseiten der Regisseure nicht geschadet. Was die Musik betrifft, ist leider viel zu wenig zu hören. Das macht diese Doku, zumal eine über Punkrocker, letztlich ein wenig zahnlos.

Fazit: In seinem Regiedebüt zeichnet Schauspieler Charly Hübner gemeinsam mit Koregisseur Sebastian Schultz ein herzliches Bild eines ebenso herzensguten wie streitbaren Musikers. Letztlich meint es "Wildes Herz" in seiner Sympathie mit seinem Protagonisten aber zu gut. Etwas kritischere Nachfragen hätten dem durchaus sehenswerten Dokumentarfilm nicht geschadet.




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