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FBW-Bewertung: Lady Bird (2017)

Prädikat besonders wertvoll

Jurybegründung: Mit diesem Coming-of-Age Film, dessen universelle Geschichte ins Sacramento des Jahres 2002/2003 führt, gibt Greta Gerwig, spätestens seit FRANCES H. Ikone des wieder erstarkten New Yorker Independent Films, ihr Regiedebüt. Im Ton bleibt sie bei der Verfilmung ihres eigenen Drehbuches auch diesem Vorbild treu. Was den Film wohltuend von anderen Hollywood-Filmen über das Erwachsenwerden abhebt.
Gerwig ist in Sacramento aufgewachsen, sie macht der Hauptstadt Kaliforniens mit dem Film eine Liebeserklärung. Junge Leute wollen weltweit weg aus solchen langweiligen mittelgroßen Städten, sie träumen von den aufregenden Metropolen mit ihrem Kultur- und Unterhaltungsangebot. So auch Christine ?Lady Bird? McPherson, dargestellt von der zeitlosen Schönheit Saoirse Ronan, die in Aussehen und Ansichten wohl der damaligen Highschool-Schülerin Greta Gerwig ähnelt.
Wie jede 17-jährige steht die schlaksige und hochintelligente Lady Bird vor einem Abnabelungsprozess von der Familie und der vertrauten Umgebung, den Gerwig mit feinem Gespür für leise Situationskomik und humorvoll beschreibt. Da ist zum einen die Sehnsucht nach der ersten großen Liebe, bei der sie mehrfachnicht den Richtigen wählt. In diesem Scheitern steckt aber immer auch ein Lernen. Beiläufig streift der Film die sozialen Gegensätze in den USA. Christine schämt sich, auf der falschen Seite der Eisenbahnschienen zu wohnen, wo die Menschen ein Zuhause haben, die materiell nicht so gut gestellt sind.
Die Freundschaft zu ihrer besten Freundin muss sich bewähren. Und da sind die Auseinandersetzungen mit den Eltern. Der Vater, ruhender, beinahe melancholischer Pol der Familie, hat seinen Job in der IT-Branche verloren. Trotz seiner Erfahrung findet er auf Grund seines Alters keine Neuanstellung. Die Mutter schiebt dafür Doppelschichten im Krankenhaus.
Unmerklich rückt der Mutter-Tochter-Konflikt ins Zentrum des dramaturgisch intelligent gebauten Films. Beide sind sich ähnlicher, als es Christine lieb ist. Von ihrer Mutter hat sie den bissigen Humor geerbt. Der Mutter gelingt es selten, Christine zu ermutigen und zu stützen. Sie hat ihre eigenen Träume begraben und erwartet nun, dass ihre Tochter sich mit einem Leben in Sacramento abfindet. Dass sie Dankbarkeit zeigt, weil sie sich für sie abrackert. Christine hat jedoch ihren eigenen Kopf und bewirbt sich fürs Studium an den renommierten Unis der Ostküste.
Über die Ausstattung und die Locations taucht der Film völlig in das Sacramento nach der Jahrtausendwende ein. Obwohl der Film zeitlich und örtlich genau verortet ist, erzählt er eine universelle Geschichte vom Erwachsenwerden. An Christines Gefühle können Millionen andocken.
Gerwig blickt ohne Groll zurück auf ihre Wurzeln. Sie gibt allen Figuren ungeheure Wärme, sie entwirft ein freundliches Bild der katholischen Schule Christines und ihrer Heimatstadt, die sie aber auch selbst unbedingt verlassen musste, um ihren eigenen Weg zu finden. Rebellion muss nicht immer laut und schrill sein.



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