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Kritik: Beach Rats (2017)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Etliche Coming-of-Age-Filme erzählen allzu formelhaft von der Identitätssuche und der Selbstwerdung ihrer adoleszenten Held_innen. Auf das Driften folgt darin stets die Ankunft, auf die großen Fragen werden simple Antworten gefunden. Mit "Beach Rats" ist der US-Drehbuchautorin und -Regisseurin Eliza Hittman hingegen ein Werk gelungen, das nichts mit jenen trivialen Teenagergeschichten gemein hat. Der Protagonist Frankie ist am Ende (noch) nicht der, der er gern wäre – die Zeit der Unsicherheit, der Fehler und Verletzungen ist für ihn in dem Moment, in welchem der Abspann einsetzt, vermutlich längst nicht vorüber. Und genau das zeigt, wie lebensnah und klug dieser Film ist.

Hittman hat ganz bewusst ein hyper-maskulines Milieu gewählt, um Frankies sexuelle Desorientierung zu schildern: Die Clique des 19-Jährigen besteht aus athletischen Machos; gemeinsam treiben sie Sport, rauchen Gras, hängen am Strand herum und reden über Frauen und Sex. Die Szenen wirken nicht durchgeskriptet, es geht nicht um pointierte Dialoge, sondern um eine intensive Beobachtung des Verhaltens und der Posen der jungen Männer – und somit um die soziale Konstruktion von Männlichkeit. Die Aufnahmen lassen zum Teil an die Arbeiten von Larry Clark denken, zeichnen sich aber durch ein deutlich höheres Maß an Sensibilität aus. Überdies findet Hittman zusammen mit ihrer erfahrenen Kamerafrau Hélène Louvart – die auch bei Clarks "The Smell of Us" (2014) die Kamera führte – äußerst treffende Bilder, um die Atmosphäre des Schauplatzes einzufangen: Während die Halbinsel Coney Island etwa in Woody Allens "Wonder Wheel" als schön anzusehende Kulisse diente, erscheint dieser Ort mit seinen Promenaden, Fahrgeschäften, Buden und dem wöchentlichen Feuerwerk hier tatsächlich wie ein Lebensraum – in all seiner Banalität.

Der Brite Harris Dickinson spielt die Rolle des Frankie überaus feinfühlig; er vermittelt nachvollziehbar das widersprüchliche Handeln des Jugendlichen sowie dessen Sehnsucht nach körperlicher und nach emotionaler Erfüllung – und die Angst, von seinem Umfeld sowie den darin etablierten Normen abzuweichen. Einnehmend sind nicht zuletzt die gemeinsamen Passagen mit Kate Hodge als Frankies Mutter.

Fazit: Ein exzeptioneller, brillant fotografierter Film über das Jungsein – brodelnd und unverfälscht, mit einem hervorragenden Hauptdarsteller.




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