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FBW-Bewertung: 1000 Arten, Regen zu beschreiben (2017)

Prädikat besonders wertvoll

Jurybegründung: Im Japanischen gibt es den Begriff Hikikomori. Er bezeichnet Menschen, die sich aus dem sozialen Leben völlig zurückziehen in die häusliche Isolation. Das Familiendrama 1000 ARTEN, REGEN ZU BESCHREIBEN thematisiert einen solchen Fall. Ein Jugendlicher zieht sich komplett zurück und die ihm nahe stehenden Familienmitglieder sind der Situation hilflos ausgeliefert.
Mike, den wir im Film an keiner Stelle zu sehen bekommen, hat sich in seinem Zimmer eingeschlossen. Die Eltern behaupten, er sei auf einem Austausch in Ohio. Dabei haben Vater Thomas (Bjarne Mädel) und Mutter Susanne (Bibiana Beglau) seit vielen Wochen keine Antwort. Im Garten verwittert bereits ein Laken mit einer Liebesbekundung. Die Eltern betteln, drohen und verzweifeln, lediglich die jüngere Schwester Miriam (Emma Bading) ahnt, was in Mike vorgeht. Der Familienzusammenhalt wird auf eine harte Probe gestellt, und alle entwickeln eigene Wege, um damit zurechtzukommen.
Subtile Kameraarbeit und ausgeklügelter Musikeinsatz produzieren in 1000 ARTEN, REGEN ZU BESCHREIBEN einen elegischen Sog, wie man ihn im gegenwärtigen Kino selten findet. Die Schauspieler bekommen in diesem Kontext die Möglichkeit ungewohnter Intensität. Vor allem Bjarne Mädel als Vater überzeugt in diesem familiären Horrortrip, der keinen Ausweg lässt. Geschickt werden dabei die Elemente des Regens und die verschlossene Tür als Leitmotive etabliert, die zugleich Metaphern für den Zustand der Familie sein können. Der Regen lässt sich ausweiten zum ?inneren Regen?. Der Film vermittelt so konsequent den Prozess der familiären Entfremdung bis hin zum völligen Aussetzen der Kommunikation. Vater, Mutter und Tochter treibt es in die Vereinzelung, obwohl sie sich um das Zusammenwirken bemühen. Die Krise dominiert, alle suchen nach eigenen Lösungen, in der Sexualität, in der Sorge um Ersatzpersonen.
Diesen radikalen Ansatz verdeutlicht der Film plausibel, was einigen Zuschauern den Zugang erschweren könnte. Er ist allerdings fotografisch, musikalisch und schauspielerisch so überragend, dass sogar ein überraschendes Happy End überzeugend in die Dramaturgie passt. Unterstützt wurde die Regisseurin bei ihrem Langfilmdebüt dramaturgisch von Dominik Graf. Dessen Neuerungswille und Experimentierfreude haben auf den Film deutlich abgefärbt.
1000 ARTEN, REGEN ZU BESCHREIBEN basiert auf einer ungewöhnlichen Idee, ist originell umgesetzt und künstlerisch konsequent. Die Jury verleiht ihm das Prädikat besonders wertvoll.




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