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Kritik: Playing God (2017)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Der Dokumentarfilm von Karin Jurschick ("Krieg und Spiele") porträtiert einen Mann, der in Amerika von vielen hochgeschätzt, aber auch von vielen gehasst wird. Der Anwalt Kenneth Feinberg wurde schon oft beauftragt, Entschädigungsfonds abzuwickeln und damit dem Staat oder großen Unternehmen langwierige Gerichtsprozesse zu ersparen. Wer beispielsweise bei Feinberg eine Entschädigung für einen bei den Anschlägen vom 11. September 2001 verstorbenen Angehörigen beantragte, musste sich bereit erklären, auf den Rechtsweg zu verzichten. Feinberg führte Gespräche mit sehr vielen trauernden Menschen. Das Leid, das er finanziell lindern soll, lässt ihn nicht unberührt.

Jurschick lässt Feinberg erzählen, begleitet ihn in die Kanzlei und zu Versammlungen, in denen ihm Menschen, die um ihre Renten fürchten müssen, ihre prekäre Situation schildern. Fair zu sein und dem Gesetz zu dienen, ist Feinberg ein echtes Anliegen. Er hört den Betroffenen genau zu und gibt vielen das Gefühl, ernst genommen zu werden, wie sie selbst vor der Kamera betonen. Die Menschen wissen es zu schätzen, dass sich hier jemand persönlich ihrer Sache annimmt.

Aber es gibt auch die Hinterbliebenen von Polizisten oder Feuerwehrleuten, die darüber klagen, dass sie weniger Entschädigung nach 9/11 bekamen, als die Angehörigen eines Börsenmaklers. Den Wert eines Menschen in Geld bemessen zu lassen, kann, wie sich hier zeigt, gerade für Trauernde schnell zum Problem werden. Im Film kommt auch ein Fischer zu Wort, der nach der Ölkatastrophe von 2010 entschädigt wurde, aber sagt, dass die Summe nur für kurze Zeit reichte, sich die Tierwelt aber noch nicht erholt habe. Beim Besuch in Feinbergs Kanzlei spricht er auch seine Lungenbeschwerden an. Feinberg antwortet kühl, er glaube nicht, dass die Ölkatastrophe daran schuld sei.

Der Anwalt thematisiert vor der Kamera selbstbewusst die Machtfülle, die ihm seine Vermittler- und Entscheiderrolle gibt. Er erscheint wie ein verantwortungsvoller Patriarch, der das Urteilen und Beurteilen genießt. Leider tritt Jurschick nicht als Gesprächspartnerin in Erscheinung, stellt keine kritischen Rückfragen. So bleibt nur zu konstatieren, dass die Position, die Feinberg so gerne ausfüllt, polarisiert, als würde er das Gesellschaftssystem mit all seinen Widersprüchen, seinen Stärken und Schwächen persönlich vertreten.

Fazit: Der Dokumentarfilm von Karin Jurschick porträtiert den amerikanischen Anwalt Ken Feinberg, der sich um außergerichtliche Entschädigungen nach den Terroranschlägen vom 11. September, nach der Ölkatastrophe im Golf von Mexiko und anderen verheerenden Ereignissen kümmerte. Feinberg erscheint als eine ambivalente Persönlichkeit, die Anteil nimmt an menschlichem Leid und Not lindern will, die aber soziale Ungleichheit nicht infrage stellt und die das Gefühl, Macht zu besitzen, schätzt. Der Film hebt diese Ambivalenz beobachtend hervor und zeigt, wie groß die Bandbreite der Emotionen ist, die der Porträtierte bei Antragstellern und Hilfesuchenden weckt.




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