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Kritik: Furusato - Wunde Heimat (2017)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Der Dokumentarfilmer Thorsten Trimpop hat über mehrere Jahre hinweg beobachtet, wie das Leben in der japanischen Stadt Minamisoma in der Nähe von Fukushima den Folgen des Reaktorunfalls trotzt. Die Teile der Stadt, die sich außerhalb der 20-Kilometer-Sperrzone um das Atomkraftwerk befinden, wurden nicht evakuiert. Viele Bewohner zogen in Kenntnis der hohen Radioaktivität trotzdem fort, aber nicht alle wollten oder konnten ihre Existenz einfach aufgeben und sich eine neue aufbauen. Trimpop hat Minamisoma seit 2012 wiederholt besucht und Einwohner getroffen, die ein normales Leben zu führen versuchen und dennoch kaum mehr Vertrauen in die Zukunft haben.

Die Eindrücke, die Trimpop sammelt, muten impressionistisch und beiläufig an. Aber sie formen sich zu einem tief berührenden Bild der Trauer und Hilflosigkeit, das dem Gefühl der Bewohner entspricht, mit den Folgen der Katastrophe alleingelassen zu sein. Ein älteres Ehepaar ist geblieben, um den Tempel nach Tradition der Familie weiterzuführen. Die Frau tröstet sich, dass sie und ihr Mann wohl zu alt seien, um die Langzeitfolgen der Radioaktivität noch an sich selbst zu erfahren. Der Aktivist Bansho Miura zog nach dem Unglück hierher, um mit seiner NGO "Heart Care Rescue" den Menschen Beistand zu leisten. Er bekam Schilddrüsenkrebs. Als die Behörden einen Staffellauf der Schulkinder erlauben, widerspricht er den Veranstaltern zornig, weil die offiziellen Strahlenmesswerte den tatsächlichen nicht entsprächen.

Eine gespenstische Atmosphäre erwächst aus den zwiespältigen Beobachtungen dieses Films. Einerseits gibt es zahllose Aufnahmen von Menschen in Schutzanzügen, die mit kleinen Besen und Bürsten radioaktiven Staub von den Straßen kehren oder Erdreich in Müllsäcken verstauen. Andererseits findet der erwähnte Staffellauf statt, hofft ein Pferdezüchter, dass sich seine Tiere weiter fortpflanzen, rückt seine junge Tochter den Gedanken an ihre eigene gesundheitliche Belastung in den Hintergrund. In vielen Gesprächen wird deutlich, wie sehr die Menschen an ihrem angestammten Zuhause hängen und dass sie aus Ratlosigkeit die Gesundheitsgefahr verdrängen. Das Misstrauen gegenüber den Behörden aber ist groß und angesichts ihres Versagens, das in diesem Film so deutlich wird, auch sehr verständlich.

Fazit: Der Dokumentarfilm von Thorsten Trimpop zeigt am Beispiel einiger Bewohner der japanischen Stadt Minamisoma im Distrikt Fukushima, wie das Leben nach der Reaktorkatastrophe unter sehr prekären Umständen weitergeht. Die filmischen Beobachtungen über mehrere Jahre hinweg offenbaren einen gespenstischen Zwiespalt zwischen der radioaktiven Gefahr, die noch buchstäblich am Straßenrand liegt, und den Bemühungen der Einwohner, ihrem Festhalten an der Heimat neue Hoffnung zu geben. Der bewegende Film beweist auch, wie wenig verantwortlich sich die Behörden und die Politik für das Schicksal dieser Menschen fühlen.




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