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FBW-Bewertung: Der verlorene Sohn (2018)

Prädikat besonders wertvoll

Jurybegründung: Der deutsche Verleihtitel DER VERLORENE SOHN ist zwar meilenweit vom englischen Originaltitel BOY ERASED entfernt, nach Sichtung hat die Jury allerdings feststellen können, dass tatsächlich beide Titel funktionieren und auch Sinn ergeben.

Als Baptistenprediger Marshall Eamons erfährt, dass sein 18-jähriger Sohn Jared schwul ist, bricht für ihn eine Welt zusammen. Aus Verzweiflung tut er, was er bislang immer getan hat, wenn er nicht weiter wusste. Er folgt seinen religiösen Grundsätzen und wendet sich an die Kirchenältesten. Die raten zur ?Conversion Therapy?, einer mehr als umstrittenen Behandlungsmethode der fundamentalen christlichen Kirchen Amerikas. Aus Liebe zu seinen Eltern willigt auch Jared ein, in das Umerziehungscamp zu gehen, auch wenn seine Persönlichkeit dort ?erased?, also ausgelöscht werden soll. Regisseur Joel Eggerton hält sich in DER VERLORENE SOHN dicht an die autobiographische Vorlage Garrard Conleys aus dem Jahr 2016. Buch wie Film begehen nicht den Fehler, die Eltern als grausame Sektierer zu brandmarken. Immer bleiben die engen Familienbande spürbar, immer die Liebe zueinander fühlbar, letztlich auch als das, was es denFamilienmitgliedern so schwer macht, mit den Gefühlen und Entscheidungen zu leben.

In der Filmdiskussion zeigte sich die Jury verblüfft von der Authentizität des Dramas. DER VERLORENE SOHN lebt von seiner unaufdringlichen-stillen Dramaturgie. 115 Minuten Spielzeit mögen zunächst als ein wenig lang empfunden werden, aber die Jury glaubt, dass diese Länge ausgehalten werden muss, um das ganze Leid der Familie greifbar werdenzu lassen. Hilflosigkeit ist, wenn man so will, der rote Faden durch das Familiendrama. Heterosexualität scheint für alle Beteiligten zunächst alternativlos. Die ausgeprägte Religiosität im amerikanischen Bible-Belt verstellt der frommen Familie den Blick auf jedwede zeitgenössisch-lebensweltliche Perspektive zu ihrem traditionellen, religiösen Familienbild. Vater Marsall Eamons fürchtet um seinen Ruf, seine Frau um die Familie und Sohn Jared wagt nicht seinen Selbstfindungsprozess und ein Coming-out anzugehen.

Die Jury würdigt DER VERLORENE SOHN als einen sensiblen Film zum Gender-Thema, in dem Schuldgefühle eine nicht zu übersehene Rolle einnehmen. Jared fühlt sich seiner Familie verpflichtet, der Vater seinem Glauben und die Mutter ist hin- und hergerissen zwischen traditioneller Rolle und ihrem Gewissen. Derpsychische Druck ist immens und immer muss seelischer Verzicht geübt werden, immer kommt etwas persönlich Wesentliches zu kurz. Dass das Szenario funktioniert, ist auch der hervorragenden Besetzung zu verdanken. Sogar in deren finstersten Momenten können die Zuschauer immer mit den Charakteren mitfühlen. Russell Crowe, der hier ganz uncharakteristisch unphysisch als Vater auftritt, und Lucas Hedges als selbstzweifelnder Sohn Jared agieren dabei mit so großer Glaubwürdigkeit, dass Nicole Kidman als genauso liebende wie wasserstoffperoxydblonde Mutter beinahe ein wenig blass in ihrer Rolle wirkt.

Dementsprechend herausragend sind auch die inszenatorischen Faktoren des Films. Regisseur Edgerton findetüberaus adäquate Bilder für das stets unausgesprochene Leid der Familie. Die Charaktere umgibt beständig eine gewisse Schwermut, die der Film farblich mit einem leichten Graustich begleitet. Und auch der durchaus umfangreiche Score übt sich in zurückhaltenden, sanften Klängen. Das wirkt wederüberzogen noch kitschig, sondern zielt genau auf den Punkt, weil es das zugrunde liegende Gefühl des Lebendig-begraben-seins unterstützt.

Die Jury würdigt DER VERLORENE SOHN als einen sehr sensiblen Film zum Gender-Thema. Das Drama erinnert gleichzeitig auch daran, dass es bis heute Einrichtungen gibt, die fragwürdige Therapieformen anbieten, die ?umerziehen? wollen und letztlich darauf abzielen, Persönlichkeit und damit Persönlichkeiten zu vernichten.



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