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Kritik: Trust Who (2017)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Die Regisseurin dieses Dokumentarfilms, Lilian Franck ("Pianomania"), erinnert sich noch gut daran, wie die Weltgesundheitsorganisation WHO im Jahr 2009 vor einer Pandemie der Schweinegrippe warnte. Als Schwangere mied Franck Menschenansammlungen, verzichtete auf Reisen. Doch der Virus H1N1 erwies sich im Vergleich zu anderen alljährlich kursierenden Grippeviren als relativ harmlos. Die Einschätzung der WHO war ein Irrtum, führte aber dazu, dass viele Regierungen den Pharmafirmen im großen Stil Impfstoffe und Grippemittel abkauften. Um die höchste Epidemie-Warnstufe 6 ausrufen zu können, hatte die WHO ihren eigenen Kriterienkatalog entschärft.

Lilian Franck heftet sich hartnäckig an die Fersen verschiedener hochrangiger WHO-Verantwortlicher, um sie mit kritischen Fragen zu konfrontieren. Die Fehleinschätzung der Gefahr der Schweinegrippe, so ihre These, weist ins Zentrum eines strukturellen Problems der Organisation. Die Staaten ziehen sich aus öffentlichen Aufgaben tendenziell zurück, die Industrie gewinnt auf diesen Feldern an Einfluss. Oft prallt Franck mit ihren Fragen zu konkreten Interessenskonflikten ab. Entweder bekommt sie gar keine Antworten oder hochrangige Gesprächspartner machen schnell dicht, weil sie eine auf Skandal gebürstete Voreingenommenheit wittern. Die mag es, so der Eindruck beim Zuschauen, vielleicht auch geben, denn um die Erfolge und konstruktiven Bemühungen der WHO geht es in diesem Beitrag nicht. Auch erscheint der Vorwurf der Abhängigkeit von Geldgebern manchmal zu pauschal.

Es wäre nämlich nur verständlich, wenn die WHO weder Mitgliedsstaaten noch andere Geldgeber verprellen wollte und sich zuweilen in heikler Diplomatie üben müsste. Auch muss es nicht unbedingt negativ sein, wenn Behörden und die Wirtschaft kooperieren oder sich von den gleichen Wissenschaftlern beraten lassen. Aber eines wird beim Betrachten dieses Films dennoch als großes Problem der WHO erkennbar: Sie verweigert sich offenbar reflexhaft dem Dialog mit Kritikern, setzt sich nicht offen mit Fehlern auseinander und zeigt somit nach außen hin auch wenig Bereitschaft, aus ihnen zu lernen. Eine Behörde aber, die von keiner externen Instanz kontrolliert wird, müsste selbst für größtmögliche Transparenz sorgen.

Fazit: Lilian Francks Dokumentarfilm geht kritisch der Frage nach, wie sehr die Arbeit der Weltgesundheitsorganisation WHO von ihren verschiedenen Geldgebern und Kooperationspartnern zum Nachteil der Allgemeinheit beeinflusst wird. Die Filmemacherin konfrontiert ihre hochrangigen Interviewpartner aus der Genfer Behörde hartnäckig mit Vorwürfen, die ihr im Umgang mit der Tabakindustrie, der Pandemiewarnung vor der Schweinegrippe und der Beurteilung der gesundheitlichen Folgen der Reaktorkatastrophen von Tschernobyl und Fukushima gemacht wurden. Eine vertiefende Debatte entsteht auf diese Weise eher nicht, sondern der Film verdeutlicht, dass sich die WHO im Umgang mit strukturellen Problemen und Irrtümern allzu defensiv verhält.




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