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Kritik: A Beautiful Day (2017)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Mit "A Beautiful Day" lässt die 1969 in Glasgow geborene Drehbuchautorin und Regisseurin Lynne Ramsay ihrem verstörenden Werk "We Need to Talk About Kevin" (2011) über eine äußerst diffizile Mutter-Sohn-Beziehung ein weiteres Filmerlebnis folgen, das lange nachwirkt und sich durch eine intensive, mutige Umsetzung auszeichnet. Die Melange aus Psychodrama und Thriller basiert auf dem 2013 veröffentlichten Roman "You Were Never Really Here" von Jonathan Ames und feierte ihre Premiere im Mai 2017 im Rahmen des Wettbewerbs der Internationalen Filmfestspiele von Cannes.

Der Plot mag an Actionthriller wie "96 Hours" erinnern – gleichwohl unterläuft Ramsay in ihrer Erzähl- und Inszenierungsweise die Genre-Erwartungen und sorgt dadurch geschickt für Irritationen. Zwar wird hier die Rache eines rabiat agierenden Mannes geschildert, dennoch geht es nicht darum, Gewalteruptionen aneinanderzureihen und dem Helden sowie dem Publikum eine Katharsis zu bieten. Vielmehr dient die fragmentarisch präsentierte Handlung dazu, in Abgründe zu blicken: Zum einen in die Abgründe einer urbanen Gesellschaft, einer Stadt, in welcher Menschenhandel betrieben wird und "Verlierer" wie der durch seine Kriegserlebnisse tief traumatisierte Protagonist Joe von den Mächtigen ausgenutzt werden – und zum anderen in die Abgründe ebenjenes Eigenbrötlers, der bewaffnet mit einem Hammer gegen Kriminelle vorgeht, aber ein deutlich ambivalenterer Charakter ist, als man es von den Figuren in Filmen dieser Art gewohnt ist.

Joaquin Phoenix liefert in der Hauptrolle eine wuchtige Performance, die entfernt an Robert De Niros Verkörperung in "Taxi Driver" (1976) denken lässt, allerdings deutlich introvertierter ausfällt. Joe bleibt für uns ein Rätsel; der Mythos des Rächers wird eher dekonstruiert. Die Kameraarbeit von Thomas Townend, die in Kombination mit der klugen Montage von Joe Bini mehr an den Folgen der Gewalt als an der Gewalt an sich interessiert ist, und der dröhnende Score des britischen Komponisten Jonny Greenwood tragen dazu bei, dass "A Beautiful Day" kein Action-Reißer in der prätentiösen Arthouse-Version, sondern das düstere Porträt einer Metropole und vor allem eines gebrochenen Menschen wird.

Fazit: Eine Charakterstudie im Gewand eines extrem harten Thrillers – voller Intensität in der audiovisuellen Umsetzung und im schonungslosen Spiel von Joaquin Phoenix.




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