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Gipsy Queen
Gipsy Queen
© Majestic Filmverleih GmbH © Paramount Pictures Germany

Kritik: Gipsy Queen (2019)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Ein Blick sagt mehr als tausend Worte. Darauf setzt Hüseyin Tabak
 in seinem neuesten Film. Mit Alina Șerban hat er die perfekte Hauptdarstellerin dafür. Ihre Figur strotz nur so vor Energie, die manchmal nicht weiß, wo sie hinsoll und sich in ihren Blicken entlädt. Ganz am Ende etwa, wenn Șerbans alleinerziehende Mutter Ali als Boxerin im Ring steht und ihre Gegnerin mit all der angestauten Wut in Grund und Boden starrt. Aber auch Liebe, Verzweiflung, Mitgefühl und unausgesprochenes Einverständnis kann Șerban nur über ihre Augen erzählen.

"Gipsy Queen" nur auf seine Blicke und Gesten zu reduzieren, täte dem Drama unrecht. Tabak
s versiert geschriebenes Drehbuch steckt voll Subtilität und guter Dialoge. Das große Können liegt auch hier in der Reduktion, in einer unausgesprochenen oder schrittweisen Vermittlung. Tabak zeigt die Verhältnisse, anstatt sie zu verbalisieren. Wenige treffende Sätze genügen. Vieles erklärt sich aus dem Kontext. Das fängt beim Namen seiner Protagonistin an, die nach keinem Geringeren als Muhammad Ali benannt ist, und hört beim strukturellen Rassismus auf, der es einer alleinerziehenden Romni so gut wie unmöglich macht, eine Wohnung zu mieten.

Eine starke Geschichte, die Tabak starken Frauen wie seiner eigenen Mutter gewidmet hat. Sie kam mit neun Jahren aus der Türkei nach Deutschland, durfte nicht zur Schule gehen, brachte sich selbst das Lesen und Schreiben bei und hat sich zur erfolgreichen Geschäftsfrau hochgearbeitet. Tabaks Film gehört dementsprechend ganz seiner Hauptdarstellerin. Und Alina Șerban ist eine Wucht – egal ob sie sich, von der agilen Kamera dicht gefolgt, geschmeidig durch das Partyvolk in der "Ritze" schlängelt oder kräftig zuschlägt, mal im Ring, mal mit dem Vorschlaghammer auf dem Bau.

Das funktioniert auch deshalb so fabelhaft, weil sich der Rest des Ensembles in den Dienst des Films stellt. Dem Österreicher Tobias Moretti beispielsweise gelingt nicht nur ein glaubwürdiges Porträt einer norddeutschen Kiezgröße, er legt diese Figur auch so zurückhaltend an, dass er beinahe völlig hinter ihr verschwindet. Es wäre ein Leichtes gewesen, sich mit diesem überlebensgroßen Charakter in den Vordergrund zu spielen, stattdessen spielt Moretti Șerban zu und zeigt wie die Hauptdarstellerin ganz großes Kino.

Ein ganz klein wenig gehört "Gipsy Queen" aber auch Morettis abgehalfterter Figur Tanne und Irina Kurbanovas erfolgloser Schauspielerin Mary, mit der Ali und ihre Kinder zusammenleben. Allesamt sind sie Underdogs, vom Leben geprügelte Hunde, die nach jedem Niederschlag wieder aufstehen – und ganz zum Schluss nicht nur wie ein Schmetterling schweben, sondern auch wie eine Biene zustechen.

Fazit: "Gipsy Queen" ist ein Film über eine starke Frau mit einer noch stärkeren Hauptdarstellerin. Regisseur und Drehbuchautor Hüseyin Tabak erzählt versiert, reduziert und subtil eine Außenseitergeschichte zwischen Familienbande, Ersatzfamilie, Alltagsrassismus und der Liebe zum Boxsport. Sein Drama ist berührend und wuchtig. Ein Volltreffer!




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