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Kritik: Zwei Herren im Anzug (2018)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Die im ländlichen Oberbayern angesiedelte Familiensaga, die der Regisseur Josef Bierbichler nach Motiven seines Romans "Mittelreich" erzählt, erstreckt sich über 70 Jahre. Die beiden Weltkriege, die Ankunft der Vertriebenen, die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland drücken auch dem dörflichen Mikrokosmos ihren Stempel auf. Die von Tradition geprägte Gemeinschaft und besonders die Verantwortung für den geerbten Gasthof bestimmen den Alltag des Gastwirts Pankraz und seiner Frau Theres. Im Alter blickt Pankraz auf sein Leben zurück und versucht, sich einen Reim auf das Durcheinander von wichtigen und unwichtigen, klaren und trüben Erinnerungen zu machen. Naturgemäß hat er andere Dinge im Visier als sein Sohn, der ihm schmerzlich bewusst macht, wo er versagt hat.

Ähnlich wie der Roman ist auch der Film ein opulentes, barockes Werk. Besonders eindringlich schildert er die Wirren der Nachkriegszeit. Im Gasthof wohnen Vertriebene, beim Hausfasching begegnen sich amerikanische Soldaten, die Dorfleute und eine Frau, die sich als Hitler verkleidet hat. Kann das gut gehen? Draußen zieht ein Sturm auf, die Band spielt schräge Töne und Pankraz bekommt es mit der Angst zu tun. Er geht hinaus an den See und schmettert eine Wagner-Arie, später schreit er um Hilfe, auf einer Eisscholle im See treibend. Der Roman kann natürlich besser die Beziehungen im dörflichen Kosmos und ihre Veränderung aufzeigen. Der Film betont dafür das Subjektive, die emotionale Ebene und den magischen Realismus, der gelegentlich hereinbricht, um Dinge auf den Punkt zu bringen und Pankraz' Gefühl der Verwunderung zu spiegeln.

Diese Verwunderung erfasst auch die Zuschauer, weil Josef Bierbichler nicht nur Pankraz spielt, sondern auch dessen Vater. Pankraz ist, als seine Frau ihren Sohn bekommt, praktisch schon so alt wie 30 Jahre später. Auch andere Besetzungsentscheidungen wirken eigenwillig oder gar wie ein Mittel der Verfremdung. Bierbichler dominiert das Geschehen vor der Kamera als etwas steifer Patriarch. Die bayerische Band "Kofelgschroa", die manchmal auch ins Bild rückt, stützt mit ihrer Musik den Anspruch des Films, peppig, schräg und wahrhaftig zu sein, auf das Schönste. Immer wieder schraubt sich dieses Familienepos in eine zuweilen auch überdreht wirkende Subjektivität empor, um sich lebhaft mit dem Geschehen und der Heimat auseinanderzusetzen.

Fazit: Josef Bierbichlers Epos einer oberbayerischen Familie basiert auf seinem Roman "Mittelreich" und spannt einen Bogen über 70 Jahre deutscher Geschichte im Spiegel eines dörflichen Mikrokosmos. Die subjektiven, zuweilen sehr fantasievoll gefärbten Erinnerungen eines alten Gastwirts setzen sich auf spannende, manchmal erhellende, manchmal sperrige Weise mit der Realität auseinander. Erst rückblickend lassen sich Dinge, die nicht ins Bild passten, besser verstehen, zum Beispiel das Drama des eigenen Sohnes. Diese Familiensaga beeindruckt mit ihrer barocken Fülle und originellen Ausdruckskraft.




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