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Tony Conrad - Completely in the Present
Tony Conrad - Completely in the Present
© Salzgeber & Co

Kritik: Tony Conrad - Completely in the Present (2017)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Regisseur Tyler Hubby, der bislang ausschließlich Kurzfilme realisierte, konnte für seine Doku auf ein umfangreiches Archiv an Bild- und Ton-Material zurückgreifen, das Conrad hinterließ. "Tony Conrad" bringt dem Zuschauer einen Mann näher, der sich stets einer Professionalisierung der eigenen Kunst widersetzte und dessen Arbeiten bis heute auch immer wieder Eingang in Museen finden: so z.B. ins Museum of Modern Art oder dem Whitney Museum of American Art. Conrad nahm in den 70ern zudem an der Documenta in Kassel, teil.

Man könne nicht über experimentelle Kunst in den USA sprechen, ohne dabei den Namen ‚Tony Conrad‘ zu erwähnen, sagt einer der Interviewten im Film. Und er trifft mit seiner Aussage voll ins Schwarze, das macht die mit unzähligen spannenden, raren Archivaufnahmen ausgestattete Doku, nachhaltig deutlich. Denn der Film zeigt, dass Conrad ein Meister der Künste war und sich nie festlegen ließ. Er war Musiker, Komponist, Sound- und Video-Künstler, Regisseur, Schriftsteller und Hochschullehrer. Und in all diesen Bereichen ungemein talentiert und fähig aber nicht zuletzt kompromisslos und immer bereit, unbekanntes Terrain zu betreten.

Belege dafür gibt es in "Tony Conrad" genug. Bestes Beispiel: sein Schlüsselwerk "The Flicker", Conrads bekanntester Film, von dem es in der Doku reichlich "Ausschnitte" zu sehen gibt. Wobei es dabei eigentlich nicht viel zu sehen gibt, denn das Werk besteht aus ausschließlich schwarzen und weißen Bilder, die flimmern, sobald der Film projiziert wird. Bei seiner Ur-Aufführung sorgte er für einen Skandal: die rasante, blitzartige Aneinanderreihung der einzelnen Bilder, löste bei manchen Zuschauern epileptische Anfälle aus, Kinobesucher übergaben sich oder verließen bestürzt den Saal.

Auch im Bereich der Musik wagte Conrad Ungewohntes: ab Mitte der 60er-Jahre kreierte er Musik, bei der es vor allem darum ging, (meist schrille, verzerrte) Töne so lange wie möglich zu spielen bzw. zu halten. Es ging um die Erzeugung von Stimmung und anhaltende Spannung, mit reduzierten musikalischen Mitteln. Eine Frühform dessen, was später als "Minimal Music" bekannt werden sollte. Einblicke in diese außergewöhnliche Kunst gewähren auch hier die seltenen Super-8- und Archivaufnahmen.

Ergänzt werden die Bild- und Tondokumente von aufschlussreichen Interviews mit Kollegen und Wegbegleitern, die Conrad gut kannten und die verdeutlichen, was ihn so besonders und einzigartig machte. Darunter u.a. das ehemalige Sonic-Youth-Mitglied Jim O’Rourke, der Pianist David Grubbs sowie der Musiker Moby. Und zwischendurch ist auch immer wieder Conrad selbst zu sehen, etwa beim Besuch seiner ehemaligen Wohnung, in der sich in den 60er-Jahren niemand geringeres als Velvet Underground gründete.

Fazit: Spannende, mit tollen und sehr seltenen Archiv-Aufnahmen garnierte, informative Doku über einen der größten Experimentalkünstler der USA. Ein Mann, der vielen Menschen weitgehend unbekannt ist, was der beachtenswerte, liebevoll umgesetzte Film nun aber zum Glück ändert.





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