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Marlina - die Mörderin in vier Akten
Marlina - die Mörderin in vier Akten
© eksystent distribution filmverleih

Kritik: Marlina - die Mörderin in vier Akten (2017)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 5 / 5

Da stehen die zwei Frauen also, die eine hochschwanger, die andere den abgetrennten Kopf ihres Peinigers unter dem Arm, und warten zu Beginn des zweiten Kapitels auf den Bus, besser gesagt: auf einen Lastwagen. Dessen Pritsche ersetzt in dieser gottverlassenen Gegend den öffentlichen Nahverkehr. Marlina (großartig: Marsha Timothy) will zur Polizei, Novi (Dea Panendra) zum nichtsnutzigen Vater ihres ungeborenen Kindes. Die Verletzungen, die die beiden durch Männer erfahren haben, schweißen sie zusammen. Die Frauen wissen es nur noch nicht.

Für ihren dritten Spielfilm hat sich Mouly Surya ganz bewusst die Insel Sumba ausgesucht. In den perfekt komponierten Einstellungen erinnert sie mehr an Texas als an die gängigen Bilder Indonesiens zwischen weißen Traumstränden und immergrünen Regenwäldern. Die Landschaft ist karg, ihre Bewohner einsilbig, die bescheidenen Hütten in atmosphärisch dichtes Halbdunkel getaucht. Hier tragen die Männer offen Waffen und reiten auf ihren Motorrädern wie Cowboys. Das Leben hat sich gefälligst nach ihnen zu richten. Von den Gesetzeshütern haben sie nichts zu befürchten. Gelangweilt und schlecht ausgerüstet spielen die lieber Pingpong, als die Ganoven dingfest zu machen.

Obwohl selbst kein Fan, hatte Mouly Surya für ihre unorthodoxe Rachegeschichte von Anfang an das amerikanischste aller Genres im Kopf. Und ihre "eigene Idee von einem Western", wie die Regisseurin ihr jüngstes Werk in einem Interview genannt hat, funktioniert ganz wunderbar. Tradition und Moderne, die Gesellschaft wie das Genre betreffend, stehen vollkommen selbstverständlich nebeneinander. In dieser Welt sind das Kochen über einer Feuerstelle und das Klingeln eines Mobiltelefons kein Widerspruch. Sie erinnern uns vielmehr daran, welch überkommene Ordnung abseits der Millionenmetropole Jakarta noch herrscht.

Ebenso selbstverständlich bricht Surya vertraute wie verkrustete Strukturen aber auch auf. Dann gebieten Marlina und Novi den Wildwestmanieren der Männer Einhalt – durchaus makaber, aber stets mit feinem Humor. Unter die strenge, in vier Kapitel eingeteilte Erzählform, mischen sich leichtfüßig traumhafte Elemente und unter die Trompeten, Gitarren und Glocken der an Ennio Morricone erinnernden Musik einheimische Flötentöne. Am Ende bringen die zwei Frauen umgeben von toten Männern neues Leben in die Welt. Schöner könnte ein Abgesang aufs Patriarchat nicht sein.

Fazit: Mouly Surya gelingt mit ihrem erst dritten Spielfilm ein kleines Meisterwerk. "Marlina – die Mörderin in vier Akten" ist eine ganz eigenwillige, langsam erzählte, aber nie langatmige Rachegeschichte, ein feministischer Neo-Western, eine weibliche Ermächtigungsfantasie. Dank zweier starker Hauptdarstellerinnen, visuell betörender Bilder und einer originell-verspielten Musik ist die Mischung aus Alt und Neu, Tradition und Moderne kraftvoll und berührend.




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