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Kritik: Lara (2019)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Das Warten hat ein Ende. Vor sieben Jahren entwickelte sich Jan-Ole Gersters hochgelobtes und vielfach ausgezeichnetes Spielfilmdebüt "Oh Boy" in Studierendenkreisen zum Kult. Die Odyssee seines Protagonisten Niko (Tom Schilling), der auf der Suche nach einer Tasse Kaffee durch Berlin stolpert, schien das Lebensgefühl vieler topausgebildeter, aber orientierungsloser junger Menschen – irgendwo zwischen Studium, Praktikum und erstem Job, zwischen Wunsch und Wirklichkeit – perfekt einzufangen.

In seinem Nachfolger verschiebt Gerster den Fokus von der Jugend aufs Alter. Statt schwarz-weiß drehte er dieses Mal in Farbe. Der an die Filme Woody Allens erinnernde Jazz-Soundtrack ist dem Inhalt entsprechend einem Score mit klassischer Musik gewichen. Erzählerisch verfährt Gerster indes ganz ähnlich: In kleinen Vignetten, die die deutsche Hauptstadt und ihre Milieus abbilden, sucht eine Mutter ihren Sohn, sich selbst und die Beziehung der beiden zueinander.

Wie schon in "Oh Boy" beweist Gerster viel Stilwillen und großes Gespür für seine Figuren und für die Schauspieler. Ein blau-roter Farbkontrast zieht sich als visueller roter Faden durch die kräftigen Aufnahmen von Frank Griebe ("Lola rennt", "Cloud Atlas"). Tom Tykwers Stammkameramann setzt Berlin dieses Mal wesentlich dezenter als bei Tykwer, aber dennoch bis in den letzten Winkel durchdacht und wohl komponiert in Szene.

Blaž Kutins rundes Drehbuch erzählt die Geschichte einer einsamen, verbitterten Frau, deren eigene Strenge und Böswilligkeit erst zu ihrer Einsamkeit und Verbitterung geführt haben. Vom eigenen Lebensweg enttäuscht, legt sie ihrem Sohn bis heute Steine in den Weg. Corinna Harfouch, die eine der besten Leistungen ihrer Karriere zeigt, brilliert in jeder Szene. Diejenigen mit Tom Schilling und Rainer Bock sind besonders schön und intensiv. Harfouch legt Lara als Figur an, mit der die Zusehenden trotz all ihrer Makel mitfühlen können, weil sie stets deren Verletzlichkeit offenlegt. Auf diese Weise glückt Gerster ein präzis beobachtetes, feinfühliges Psychogramm eines schwierigen Charakters und eine bewegende Mutter-Sohn-Beziehung.

Fazit: Auch Jan-Ole Gersters zweiter abendfüllender Spielfilm beeindruckt. Abermals formal wohl komponiert, herausragend gespielt und mit Feingefühl für die Figuren inszeniert, liefert Gerster ein gelungenes Psychogramm einer komplexen Frau ab, die Corinna Harfouch mit einer ihrer besten Karriereleistungen zum Leben erweckt.




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