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FBW-Bewertung: Madame Aurora und der Duft von Frühling (2017)

Prädikat besonders wertvoll

Jurybegründung: Eine faustdickeÜberraschung verbirgt sich hinter Blandine Lenoirs zweiten Langspielfilm MADAME AURORA UND DER DUFT VON FRÜHLING. Die souverän inszenierte Tragikomödie changiert geschickt zwischen den Genres und versteht es, trotz des etwas beliebig wirkenden Titels, leichte Unterhaltung und gelungenen Humor mit präziser Zeichnung eines Lebensabschnitts zu verbinden, der sonst oft im Kino nur mit Zotigkeit und wenig Verständnis für die spezielle Situation der Wechseljahre dargestellt wird.

Im Mittelpunkt steht Aurora (wunderbar gespielt von Agnès Jaoui), die sich vor einiger Zeit von ihrem Mann getrennt hat. Die große Tochter ist schon aus dem Haus und erwartet bald ihr erstes Kind. Und auch die zweite schickt sich an, bald flügge zu werden und das Nest zu verlassen. Aurora indes hat ihre ganz eigenen Sorgen und Probleme - die Hitzewallungen etwa, die sie immer wieder überkommen. Oder der Ärger beim Job, bei dem ein neuer Besitzer in dem Restaurant, in dem man sie als Servicekraft so respektlos behandelt, dass sie einfach hinschmeißt und kündigt. Das Problem ist nur, dass sie nie ?etwas Richtiges? gelernt hat, sondern während ihrer Ehe ihrem Mann in seinem Handwerksbetrieb die Buchhaltung machte - schwarz natürlich und ohne jeden Nachweis für das Arbeitsamt, bei dem sie nun vorstellig werden muss. Und dann taucht plötzlich eine alte Jugendliebe auf - und noch ein Mann, die beide Interesse an ihr zeigen ?

Blandine Lenoir erzählt diese Geschichte, die man als ?Coming-out-of-age? bezeichnen könnte, überaus feinfühlig und paart dies mit Witz und Humor, der nicht auf oberflächliche Lacher abzielt, sondern wirklich gekonnt ist. Auch inszenatorisch hat der Film einiges zu bieten: Immer wieder streut Lenoir Szenen ein, die ohne Worte funktionieren - wenn sich Mutter und Tochter beispielsweise beim Zähneputzen unterhalten, versteht man als Zuschauer zwar kein Wort, weiß aber doch genau, was in diesem Moment gemeint ist. Oder jene Szenen, bei denen sich der Subtext vor allem über die Musik und die Gesangspassagen überträgt.

Alles dies fügt sich mit Tempo und einem natürlich wirkenden Flow zusammen, ist immer wieder überraschend, steckt voller liebenswerter kleiner Details und beweist ein gutes Auge für die Charaktere bis hin zu den kleinsten, aber fast immer treffend besetzten Nebenrollen, von denen jede einzelne ihre Berechtigung für die Geschichte besitzt.

Ein Kleinod des französischen Films, der bei allem Humor auch Tiefe entwickelt und vom ganz normalen Leben erzählt und dabei selbst jene Teile davon nicht unterschlägt, die nicht gelebt wurden: Die verpassten Chancen, die falschen Entscheidungen, die Fehler, die man gemacht hat - ohne Larmoyanz, aber mit einer gehörigen Portion Optimismus. Ein Film, der sich sogar das Kunststück erlauben kann, über die Töchter und den Ausblick in eine Alters-WG zu einem Film zu werden, der das Leben von Frauen von heute über verschiedene Generationen betrachtet und dem Stand der Emanzipation fernab aller theoretischen Diskurse einen Spiegel vorhält.



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