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The Untamed
The Untamed
© Forgotten Film Entertainment

Kritik: The Untamed (2017)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Der vierte Film des mexikanischen Regisseurs Amat Escalante ("Heli") befasst sich mit dem Es, jenem Teil der menschlichen Psyche, in dem die Triebe beheimatet sind. Die jungen Protagonisten begegnen zu unterschiedlichen Zeiten im Verlauf der Geschichte einem Ungeheuer, das in einer Hütte im Wald haust. Dort wohnt auch ein alter Wissenschaftler, der geheimnisvolle Lebewesen erforscht, mit seiner Frau. Das Ungeheuer bereitet unbeschreibliche sexuelle Lust, aber es kann auch eine zerstörerische Wirkung entfalten. So thematisiert der in Escalantes Heimatstadt Guanajuato und ihrer Umgebung gedrehte Film im Grunde die Triebfeindlichkeit des Katholizismus und die Verbiegungen, die eine von ihm geprägte konservative Gesellschaft den Menschen abverlangt.

Die Geschichte hüllt sich von Anfang an in eine rätselhafte Atmosphäre. Schon die erste Szene führt die Kreatur ein, die über riesige penisähnliche Tentakel verfügt. Dann aber ist Veronica nach ihrem lustvollen Erlebnis mit ihr plötzlich verletzt – in der Klinik wird es heißen, ein Hund habe sie gebissen. Man weiß lange nicht, ob die entfesselte Sexualität auch die anderen Triebe in den Menschen freisetzt, so dass sie sich gegenseitig wehtun, oder ob das märchenhafte Wesen selbst Menschenopfer fordert, als Strafe für so viel Freizügigkeit. Das Ungeheuer verkörpert das Animalische und ruft es auch in den Menschen wach, sodass diese ein Durcheinander in ihrem Wertgefüge erleben. Die Hütte im Wald, das alte Ehepaar, das darin wohnt, bringen eine archaische, märchenhafte Note in die Geschichte. Die Kamera folgt einmal einem Auto, das von der Straße auf einen Waldweg abbiegt und zur Hütte fährt, von oben. So entsteht ein schönes Bild für das Geheimnisvolle, dem der Mensch in seiner Entdeckungslust unbedingt folgen will.

Dabei haben zwei Personengruppen in der örtlichen Gesellschaft offenbar keine Möglichkeit, ihre Sexualität befriedigend auszuleben. Die jungen Frauen werden als Sexobjekt angesehen, haben aber in der machistischen Kultur nichts zu melden und kommen in ihren privaten Beziehungen zu kurz. Die schwulen Männer sind sozial geächtet. Angel würde niemals offen zu seiner homosexuellen Neigung stehen. Dabei macht ihn diese Selbstverleugnung und die Angst auch sehr aggressiv. Die Gewalt lauert überall und das Verstörende ist die fehlende Eindeutigkeit, ob sie von der Triebunterdrückung oder der Triebentfesselung herrührt. So lässt der Regisseur den Zuschauern viel Freiraum, um die eigene Fantasie spielen zu lassen.

Fazit: Dieser Spielfilm des mexikanischen Regisseurs Amat Escalante entwickelt eine schillernde Ambivalenz zwischen Fantasymärchen und Thriller. Die Geschichte setzt sich mit der Triebfeindlichkeit der katholischen mexikanischen Gesellschaft, mit ihrer Misogynie und Homophobie auseinander. Wenn die Menschen einmal ihrer Lust freien Lauf lassen, bleibt das nicht ungestraft – auch nicht in dieser fantasievollen Handlung, die den Zuschauern viel Raum für eigene gedankliche Expeditionen lässt.




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