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Kritik: Thelma (2018)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

"Dieses Mal wollten wir etwas völlig Neues ausprobieren", hat Joachim Trier in einem Interview gesagt. Der vierte abendfüllende Spielfilm des Norwegers ist im klassischen Sinn ein phantastischer und damit das genaue Gegenteil seiner realistischen Dramen "Auf Anfang" (2006), "Oslo, 31. August" (2011) und "Louder Than Bombs" (2015). Anders als in der Fantasy oder Science-Fiction sind die übernatürlichen Phänomene, die über Triers Hauptfigur Thelma (Eili Harboe) hereinbrechen, weder gängiger Bestandteil ihres Universums noch wissenschaftlich erklärbar. Geschickt lassen Trier und sein langjähriger Koautor Eskil Vogt bis zum Schluss offen, ob das Publikum dem Gezeigten Glauben schenken darf oder es als Allegorie auf das Erwachsenwerden begreifen soll.

Trier setzt das Mysteriöse erzählerisch versiert und visuell betörend in Szene. Von der ersten Minute an, wenn Familienvater Trond (Henrik Rafaelsen) mit der sechsjährigen Thelma (Grethe Eltervåg) über einen zugefrorenen See in den Wald geht, nimmt die Bildsprache das Publikum gefangen und spricht zugleich zu ihm. Die unter dem Eis eingeschlossenen Fische nehmen Thelmas Situation als Studentin vorweg, Tronds Verhalten deutet den religiösen Überbau und die Auflösung des Familiengeheimnisses voraus. Auch später findet Trier faszinierende Bilder, etwa das einer schwarzen Schlange, die nachts zu Thelma ins Bett kriecht oder ihr während einer Party die Luft abschnürt. Indem er Thelmas Kommilitonin Anja (Kaya Wilkins) in ihrem Äußeren und ihren Bewegungen der Schlange gleichsetzt, lockt er seine Zuschauer geschickt auf eine falsche Fährte. Ist die schöne Studentin die Verführung, die Liebe der zwei jungen Frauen Sünde?

Wie kein anderes Genre bedient der phantastische Film, ganz besonders in seiner Ausprägung als Horrorfilm, die Lust des Zuschauers am Verdrängten. Das kann wie in "Get Out" (2017) das politisch Unbewältigte sein. Häufig stehen Gestalten wie Vampire oder Werwölfe aber für unterdrückte Triebe oder das sexuelle Erwachen. Wenn "Thelma" die Sexualität seiner weiblichen Hauptfiguren in Metaphern des Unheimlichen übersetzt, spielt Joachim Trier nicht nur wohlweislich mit den historischen Versatzstücken des Genres, er erzählt auch davon, wie fragil das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung selbst in pluralistischen Gesellschaften ist. Denn Offenheit und Vielfalt erlauben auch konservativen Kräften, eine Weltsicht zu verbreiten, die ebenjene Vielfalt (wieder) einschränken will.

Trier und Vogt sind jedoch clever genug, es in ihrem außergewöhnlichen Coming-of-Age-Film nicht bei dieser einen Ebene zu belassen. Wenn Thelma Anfälle erleidet, tritt zur übernatürlichen und religiösen, eine dritte, wissenschaftliche hinzu. Abermals vollführt das Drehbuch einen klugen Schwenk. Könnte man zunächst annehmen, Thelmas Homosexualität werde mit Sünde, später mit einer Krankheit gleichgesetzt, offenbart sich Stück für Stück, dass nicht die verbotene Liebe zu Anja, sondern das Unterdrücken dieser Liebe der Auslöser ist. Hier verschränken Trier und Vogt gekonnt Mystery, Religion und Wissenschaft und erzählen die Historie einer unverstandenen Sexualität und eines missdeuteten Krankheitsbilds gleich mit.

Anders als die reaktionären Slasher-Filme der 1970er-Jahre, in denen die Mörder stets nur die keusche Jungfrau verschonten, bestraft Trier die beiden jungen Frauen für ihre Liebe nicht. Ganz im Gegenteil: Am Ende gelingt Thelma – erneut auf visuell eindrückliche Weise – die Befreiung von den Zwängen ihrer Familie, die dem Unerklärlichen mit einer falsch verstandenen Frömmigkeit begegnete. Ihre Fähigkeiten sind weder göttliche Prüfung noch Strafe, sondern eine Gabe. Wie so vieles klingt auch diese Willenskraft früh im Film an, um genau zu sein, schon in Thelmas Namen.

Fazit: "Thelma" ist ein außergewöhnlicher Coming-of-Age-Film, dessen Vielschichtigkeit sich bereits in den Namen seiner Hauptfiguren andeutet. Regisseur und Koautor Joachim Trier erzählt von einer verunsicherten jungen Frau, die über die Abnabelung von den Eltern zu ihrer eigenen Stärke findet. Trier wiederum findet für seine Mischung aus Liebesgeschichte, Drama und Mysterythriller starke, symbolisch aufgeladene und vielfach interpretierbare Bilder.




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