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Kritik: Of Fathers and Sons - Die Kinder des Kalifats (2018)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Talal Derki lebt seit 2014 in Berlin. Seine syrische Heimat lässt den Filmemacher nicht los. Nach "The Return to Homs" (2013), der zwei junge Aktivisten bei ihren erst friedlichen, später bewaffneten Protesten begleitete, begibt sich Derki noch tiefer ins Thema Radikalisierung. "Of Fathers and Sons" zeigt eindrücklich, dass Gewalt nichts als neue Gewalt erzeugt und wie Väter diese Gewalt ihren Söhnen vererben.

Um diesem Albtraum Herr zu werden, steigt Derki mit einer traumgleichen Szene ein: Fußball spielende Jungs, in Zeitlupe mit einer schwebenden Kamera gefilmt. Ein hoffnungsfrohes Bild, das immer wieder unvermittelt umkippt. Dann wachsen sich harmlose Rangeleien zu handfesten Prügeleien aus, dann schneiden Kinder Singvögeln die Köpfe ab, weil sie ihren halsabschneidenden Vätern nacheifern, dann basteln sie kleine Bomben in Plastikflaschen. Die Väter bestrafen ihre Söhne mit einer demütigenden Kopfrasur und brechen ihren Willen in militärischen Trainingscamps. Hier wird scharf geschossen, mitten zwischen Kinderköpfe. Schwarze Pädagogik im Kriegsgebiet.

Derkis Einblick in diese geschlossene Gesellschaft fördert Faszinierendes und Erschreckendes, vor allem aber Gegensätzliches zutage. Auch das Verhalten der Väter pendelt zwischen den Extremen. Ein liebender Vater und gleichzeitig ein eiskalter Mörder zu sein, sind für Abu Osama kein Widerspruch. Ein Lebewesen dürfe man nicht einsperren, erklärt er seinen Söhnen, und doch sperrt er seine politischen Gegner ein, führt sie triumphierend vor der Kamera vor. Sein Glaube an Gott ist ungebrochen, selbst als er seinen linken Fuß durch eine Mine verliert. Jedem toten Kind wird Gott tausend neugeborene Kinder folgen lassen, ist sich Abu Osama sicher.

Derki hat seinen Film inkognito, als vermeintlicher Sympathisant gedreht. Anders hätte er in die Welt der Dschihadisten keinen Einblick erhalten. Es ist eine Welt, die junge Mädchen schon mit zwei Jahren verschleiert, Frauen zu ausgebeuteten Randfiguren degradiert. Im Film sind sie meist nur als Stimmen aus dem Nebenraum oder in den Gesprächen der Männer präsent. Ein Dokumentarfilm unter lebensbedrohlichen Bedingungen. Allein dieses Wagnis ist ein Ereignis, birgt aber auch Schwächen. Kritische Nachfragen, die schnell gefährlich werden könnten, erspart sich der Regisseur und schaltet stattdessen in den beobachtenden Modus.

Der ist äußerst spannend, aber letztlich nicht vollends aufschlussreich. Der Grund für Abu Osamas Radikalisierung bleibt ebenso vage wie die Gründe dafür, warum sein Sohn Osama dem Vater folgt, während dessen jüngerer Bruder Ayman einen anderen Weg einschlägt. "Of Fathers and Sons" zeigt eine radikalisierte Welt, ohne die Psychologie dahinter abbilden zu können. Der Film blickt auf die Mechanismen, aber nicht in die Köpfe. Vor allem aber macht er Hoffnung: Monströse Auswüchse machen aus vielen, aber nicht aus jedem Menschen ein Monster.

Fazit: "Of Faters and Sons" bietet einen ebenso faszinierenden wie erschreckenden Einblick in die hermetisch abgeriegelte Welt islamistischer Gotteskrieger. Allein dieses Wagnis ist ein Ereignis. Regisseur Talal Derki legt die Mechanismen von Gewalt und Gegengewalt anschaulich offen, dringt allerdings kaum in die Köpfe der Porträtierten.




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