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Rückenwind von vorn
Rückenwind von vorn
© UCM.ONE

Kritik: Rückenwind von vorn (2018)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

"Rückenwind von vorn" ist der neue Film des Hildesheimer Regisseurs und Drehbuchautors Philipp Eichholtz, der 2008 mit der Dokumentation "Meine Daten und ich" sein Debüt gab. Deutschlandweite Bekanntheit erlangte er mit seinem letzten Film, der Tragikomödie "Luca tanzt leise" von 2016. "Rückenwind von vorn" eröffnete in diesem Jahr die Sektion "Perspektive Deutsches Kino" bei der Berlinale.

"Rückendwind von vorn" ist ein kleiner, sympathischer Film über die Schwierigkeit, seine eigenen Wünsche mit denen des Partners und, ja, auch den Anforderungen der "Gesellschaft" zu vereinbaren. Charlie ist Ende 20, fühlt sich aber noch lange nicht bereit für ein Kind. Ordentlich Druck baut ihr zehn Jahre älterer Freund auf, der unbedingt Nachwuchs möchte. Und auch von außen, etwa aus dem Lehrerkollegium und von ihrer Schwägerin, bekommt Charlie (wunderbar leicht und lebensecht: Victoria Schulz) oft nahe gelegt, dass es doch so langsam mal Zeit wäre für ernste Familienplanungen.

Eichholtz handelt das Ganze aber nicht bierernst ab, sondern findet immer wieder heitere, aus dem Leben gegriffenen Szenen und Momente, die die Ambivalenz zwischen den eigenen Bedürfnissen und denen der anderen, augenzwinkernd offenlegt. Spontan und unvermittelt. Etwa wenn Marco am Esstisch auf den Eisprung von Charlie hinweist und dies natürlich unbedingt – sofort und unverzüglich – ausnutzen will. Die ungekünstelte, wunderbare Reaktion von Charlie spricht Bände und offenbart nachhaltig wie sie zu den Themen Nachwuchs und Familienplanung aktuell steht.

Im Film finden sich viele solcher unmittelbarer, authentischer Szenen aus der Lebenswirklichkeit der Generation Y, bei denen stets das Gefühl einer gewaltigen Spontaneität mitschwingt. Kein Wunder, wurden doch große Teile der Dialoge improvisiert, was "Rückenwind von vorn" ungemein gut tut. Besonders eindringlich und herzerwärmend sind auch die Szenen zwischen Charlie und Gerry geraten. Insgeheim beneidet sie ihren ihn um dessen Ungebundenheit und Eigenständigkeit. Hier und da schwingt in leisen Momenten sogar immer mal wieder der Eindruck mit, dass sich Charlie evtl. mehr mit ihm vorstellen könnte und er vielleicht besser zu ihr passt als Marco.

Alles Dinge, die nicht nur Charlie sondern auch den Zuschauer ein Leben lang begleiten werden: das Hin- und Hergerissen sein zwischen Entscheidungen, Dingen und Personen. Und die Unsicherheit, sich möglicherweise für den falschen Lebensweg entschieden zu haben. Doch diese Ungewissheit macht das Leben letztlich doch auch so spannend.

Fazit: Lebensnahe, luftig-leichte und von hoher Improvisationskunst geprägte Tragikomödie über echte Menschen und deren reale Ängste und Probleme.




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