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Kritik: Landrauschen (2018)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Im pulsierenden Berlin hatte Toni (Kathi Wolf) jede Minute tausend Möglichkeiten. Zurück in der Heimat pulsiert höchsten ihr Hintern, wenn sie auf ihrem Moped zum Bewerbungsgespräch brettert. Schon diese Eingangsequenz, ein Phantom Ride über Land auf Tonis klapprigem Zweirad, enthält das Dorfleben in seinem Kern. Ohne Motorisierung kommt hier keiner vom Fleck. Und so veraltet wie die Fassaden, die an den Zuschauern vorüberziehen, sind auch die Ansichten der Bewohner.

Regisseurin und Drehbuchautorin Lisa Miller ist für "Landrauschen" in ihre bayerisch-schwäbische Heimat zurückgekehrt und hat eigene Erfahrungen und die persönliche Geschichte ihrer Nebendarstellerin Nadine Sauter zu einer schwungvollen Mischung aus Drama und Satire verarbeitet. Vom bräsigen, stets auf den eigenen Vorteil bedachten Vater (Karl Fischer) über die kreuzunglückliche, aber die Fassade wahrende Mutter (Heidi Walcher) bis zu den schrulligen Dorfpolizisten (Reiner Schlecker, Rüdiger Radomski) gelingen Miller präzise Beobachtungen.

Damit setzt Miller einer rotzigen Gegenentwurf zur von Politikern und Zeitschriften wie "Landlust" propagierten Idylle. Für ihre Protagonistin ist die Heimkehr schlicht die Hölle. Schließlich gibt es neben Ruhe und Natur auch jede Menge Schubladendenken und Engstirnigkeit zwischen Bierzelt und Kaffeekränzchen. Miller entführt ihr Publikum in eine Welt voller Eigenheime mit Garten, an die viele, die fernab der Großstadt aufgewachsen sind, andocken können.

"Landrauschen" sieht nicht berauschend aus. Das geringe, durch Crowdfunding finanzierte Budget, ist dem Film jede Minute anzusehen. Doch Miller und ihr Team machen das Beste aus ihren begrenzten Mitteln. Hannes Kemperts Kamera ist dicht an den Figuren. In einigen beeindruckenden Sequenzen, etwa während einer Party anlässlich des Christopher Street Day, lässt er die dokumentarisch wirkende Digitalästhetik hinter sich. An Originalschauplätzen in schönstem schwäbischen Dialekt gedreht und abseits der Kabarettistin Kathi Wolf vornehmlich mit Laien besetzt, erzeugt das eine enorme Glaubwürdigkeit. Wolf und Sauter begeistern im Zusammenspiel und durch ihre beeindruckende Präsenz.

Lisa Millers Blick aufs Landleben ist schonungslos-komisch, aber nie anklagend. Schließlich herrschen Sexismus, Rassismus und Doppelmoral auch in der Stadt. Auf dem Dorf kann man ihnen nur schlechter aus dem Weg gehen. Toni und Rosa stehen exemplarisch für zwei Wege. Während die eine der Enge entfloh, entschied sich die andere fürs Bleiben. Am Ende treten sie beide den Widrigkeiten des Landlebens entschieden entgegen.

Fazit: Lisa Miller weiß, wovon sie erzählt. Ihre Mischung aus Drama und Dorfsatire ist authentisch, präzise beobachtet und überzeugend gespielt. Ein etwas anderer Heimatfilm, an den alle andocken können, die fernab der Großstadt aufgewachsen sind.




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