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Kritik: Die Erbinnen (2018)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Nach 30 gemeinsamen Jahren sind Chela (Ana Brun) und Chiquita (Margarita Irun) in ihrer Beziehung festgefahren. Chiquita gibt den Ton an, Chela die stille Beobachterin. Von vornherein nimmt das Drama ihre Position ein. Luis Armando Artegas Kamera lugt subjektiv mit Chela durch Türspalte, zeigt ihren forschenden Blick. Oft sitzt sie am Rand. Das Geschehen um sie herum taucht in der Dunkelheit und Unschärfe des Hintergrunds ab.

Die Geschichte, die im Wettbewerb der Berlinale 2018 Premiere feierte, erinnert an einen anderen südamerikanischen Film. Auch "Camino a La Paz" (2016), der es erst in diesem Jahr in die deutschen Kinos schaffte, erzählt von einer Hauptfigur, die unfreiwillig mit einem geerbten Auto zum Chauffeur wird. Auch dessen Regisseur Francisco Varone und einer der Hauptdarsteller gaben wie nun Filmemacher Marcelo Martinessi und seine Darstellerin Ana Brun mit einem feinsinnigen Drama ihr Debüt. Hie wie da erfahren wir viel über die Gesellschaft, was sich allein daran ablesen lässt, dass sich die Protagonisten lieber von Bekannten durch die Gegend kutschieren lassen, als sich ein Taxi zu nehmen.

Nun ist "Die Erbinnen" im Gegensatz zu "Camino a La Paz" aber kein Roadmovie. Zwar findet auch Chela auf der Straße zu sich selbst, das eigentliche Drama spielt sich jedoch in geschlossenen Räumen ab. Artegas Kamera gewährt wenig Überblick, kommt selten über Halbtotalen hinaus. Von Paraguays Hauptstadt, von der Landschaft auf dem Weg von Asunción nach Itauguá, wohin Chela eine ihrer wohlbegüterten Kundinnen mehrmals fährt, ist kaum etwas zu sehen. Stattdessen herrscht überall Enge: bei Chiquita im überfüllten, ohrenbetäubend lärmenden Knast, bei den Kartenpartien der alten Damen, bei Chela zu Hause. Mal sehen wir tatsächlich Inhaftierte, mal Gefangene der gesellschaftlichen Konventionen. Chela ist eine, die aus ihrer Beziehung, aus ihrem sozialen Status, aus ihrem familiären Erbe nicht mehr herauskommt und am Ende doch ausbricht.

Obwohl in den 95 Minuten im Grunde nichts passiert, erzählt Martinessi, der auch das Drehbuch schrieb, unglaublich viel. "Die Erbinnen" ist ein Film über eine Gesellschaft im Wandel, über soziale und private Machtgefälle, über Liebe, Sehnsucht und sexuelles Verlangen und nicht zuletzt ein hinreißender Film über Frauen. Die einzige "tragende Rolle", die Männern in Martinessis subtilem Kammerspiel zukommt, dieser Scherz sei erlaubt, ist die von vier Möbelpackern, die ein Klavier aus Chelas Wohnung wuchten. Sonst bleibt das männliche Geschlecht immerzu Andeutung, ein gesichtsloser Name in einer Anekdote hier, ein Schemen am Bildrand dort.

Zum Schluss hat Chela ihre Selbstständigkeit wiedererlangt und darüber ihre Lust an der Freiheit entdeckt. Aus ihrer festgefahrenen Beziehung fährt sie einfach davon, mit dem letzten Erbstück, das ihr geblieben ist. Die sonst so pedantisch von ihr eingehaltene Ordnung ist erschüttert. Für diese kleine, ruhige Befreiungsfantasie gab es in Berlin den Alfred-Bauer-Preis für Regisseur Marcelo Martinessi sowie einen mehr als verdienten Silbernen Bären für Darstellerin Ana Brun.

Fazit: Marcelo Martinessis preisgekröntes Langfilmdebüt ist eine ruhig erzählte, zurückhaltend gespielte, fein beobachtete Befreiungsfantasie. "Die Erbinnen" ist Charakterstudie und Gesellschaftsporträt zugleich und ein hinreißendes Drama über starke Frauen.




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