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Die Gentrifizierung bin ich - Beichte eines Finsterlings
Die Gentrifizierung bin ich - Beichte eines Finsterlings
© Gmfilms © barnsteiner-film

Kritik: Die Gentrifizierung bin ich - Beichte eines Finsterlings (2018)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Eins muss man Thomas Haemmerli lassen: Sein Film langweilt keine Sekunde. Angesichts eines Themas, das andere Regisseure bierernst und bedeutungsschwanger aufbereiten, ist das an sich schon eine kleine Meisterleistung. Selbst wer mit dem Schweizer Bohemien nicht konform geht (seine Forderung zum Bauen in die Höhe etwa ist nicht durchweg überzeugend), fühlt sich köstlich unterhalten und sei es nur, weil er/sie sich über Haemmerlis Sarkasmus und seine Verkürzungen so wunderbar echauffieren kann.

Ursprünglich wollte Haemmerli einen sachlichen Politfilm drehen, doch Produzentin Mirjam von Arx forderte mehr persönliche Anekdoten, eine autobiografische Perspektive. Zum Glück muss man im Nachhinein sagen. "Die Gentrifizierung bin ich" ist ein Geschenk an die Zuschauer. Dem Schweizer Multitalent ist ein essayistisch-polemischer, analytisch klarer, formal verspielter, verschroben-schräger Mix aus Thesenpapier und (Selbst-)Ironie geglückt, der lustvoll mit Vorurteilen und Irrglauben aufräumt.

Haemmerli haut den Zusehenden seine Thesen in Großbuchstaben und mit knallenden Soundeffekten um die Ohren. Zwischendurch streut er augenzwinkernd Found Footage, in Fernseh- und Filmarchiven gefundenes Material, ein. Sein spöttischer Off-Kommetar macht vor keinem Halt. Der politischen Rechten, die das Gespenst der Überfremdung an die Wand malt, hält er ebenso den Spiegel vor wie der Linken, die sich gegen die Nachverdichtung der Großstädte wehrt. Auch wenn nicht alle Argumente verfangen, bieten sie doch manch neue Einsicht, spannende Ansätze, vor allem aber jede Menge Diskussionsstoff für die Zeit nach dem Kinobesuch.

Abseits all dem ist "Die Gentrifizierung bin ich" freilich eine satirische Selbstbespiegelung. Das macht schon das Subjekt im Titel klar. Als Sohn aus wohlsituiertem Hause ist das Familienalbum reichlich bestückt. Haemmerli kann aus allen Lebensphasen Fotos oder Filmaufnahmen auffahren. Daniel Cherbuins wundervolle Montage fügt sie zu einem illustren Wechsel der Formate zusammen. Wie Haemmerli selbst – mal Journalist, mal Regisseur, mal Kommunikationsberater, mal Künstler – ist sein Film vieles: mal kluge, mal weniger kluge Bestandsaufnahme, ein Abriss der Architekturgeschichte und Städteplanung und eine Biografie, die einige im Publikum vor Neid erblassen, den anderen die Zornesröte auf die Stirn treiben dürfte.

Fazit: Thomas Haemmerlis "Die Gentrifizierung bin ich" ist eine autobiografisch gefärbte, brüllend komische Analyse zum Thema Wohnungsnot und Städteplanung. Dieses schräge, selbstironische Thesenpapier dürfte nicht jedem gefallen, bietet aber jede Menge Diskussionsstoff, den vergleichbare Filme häufig vermissen lassen.




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