VG-Wort
Die Domain Spielfilm.de verwendet Cookies für funktionale und analytische Zwecke. Durch die Nutzung unserer Seite erklärst Du Dich damit einverstanden. Weitere Cookie-Informationen findest Du hier.

Ok, einverstanden!

oder

Kritik: Al Berto (2018)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Al Berto gilt als einer der bedeutendsten Poeten seines Landes und feierte in den 80er-Jahren seine größten Erfolge. In dieser Zeit begründete er auch die homosexuelle erotische Poesie in Portugal. Ursprünglich kommt Al Berto von der Malerei, widmete sich aber seit den frühen 70er-Jahren fast ausschließlich der Kunstform "Lyrik". Sein erstes Buch erschien 1977, danach veröffentlichte er einige Lyrikbände sowie einen Roman. Mit nur 49 Jahren verstarb Al Berto 1997 an den Folgen einer Krebserkrankung. Für Regisseur Vicente Alves do Ó ist "Al Berto" die erste Kinoproduktion seit seinem Film "Florbela", einer Biographie über die portugiesische Lyrikerin Florbela Espanca.

In der Künstlerszene von Sines stößt Al Berto auf eine Vielzahl ambivalenter, tiefgründiger Charaktere, denen sich Alves do Ó ausgiebig widmet. Er richtet sein Augenmerk damit nicht nur auf den aufstrebenden, melancholischen Künstler Al Berto und dessen Innenleben, sondern auch auf die Befindlichkeiten und Charakteristika der ihn umgebenden Kunstschaffenden. Das macht einen großen Reiz des Films aus. Darunter zum Beispiel Sarah, die von Raquel Rocha Vieira facettenreich verkörpert wird. Eine schwer zu greifende, etwas unterkühlt aber ebenso anziehend wirkende Person, die von einer erfolgreichen Karriere als Schriftstellerin träumt. Sie leidet darunter, dass ihre dem Arbeitermilieu zugehörige Familie nichts mit ihren künstlerischen Ambitionen anfangen kann und es deshalb zum Bruch kam.

Beispielhaft thematisiert Alves do Ó hier den Konflikt zwischen Tradition und Moderne, durch den die unterschiedlichsten Einstellungen und Sichtweisen auf radikale Weise aufeinandertreffen. Es geht im Kern um den Disput zwischen den Einheimischen bzw. den alteingesessenen Bewohnern des Dorfs und den jungen, vor Aufbruchstimmung strotzenden Bohemiens. Unterschiedliche Ideale, Werte und Vorstellungen von Arbeit, Familie und Sexualität kollidieren. Und dieser Umstand birgt eine Menge Konfliktpotential. Ersichtlich wird die auch noch in einer mitreißenden Szene zwischen Al Berto und dem Vater seines Liebhabers João Maria (José Pimentão), wenn dieser den Künstlern ihren dekadenten Lebensstil und ihre elitäre Selbstüberschätzung vorwirft.

Schade ist lediglich, dass der Film bei seiner Ausstattung das Qualitätsniveau nicht ganz halten kann. Statt in den 70er-Jahren, könnte der Film – rein optisch betrachtet – auch in der Gegenwart spielen. Hier fehlt es an der glaubhaften Vermittlung des vorherrschenden Zeitgeists, den man an den Requisiten, Kostümen und Kulissen wunderbar hätte aufzeigen können. Die einzige Schwäche eines ansonsten durchweg empfehlenswerten Biopics.

Fazit: Mit Hingabe und Akribie durchleuchtet "Al Berto" das Innenleben einer außergewöhnlichen Künstlergemeinschaft im Portugal der mittleren 70er-Jahre und verweist im Kern auf den Dauerkonflikt zwischen Tradition und Moderne.




Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.