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Kritik: Nico, 1988 (2018)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

"Nico, 1988" startet in Deutschland auf den Tag genau 30 Jahre nach Christa Päffgens Tod. Wie so viele Erzählungen interessiert sich auch Susanna Nicchiarellis Drama nicht für den Zenit einer Karriere. Schließlich bieten Aufstieg und Niedergang eines Stars weitaus spannendere Geschichten. Nicchiarellis dritter abendfüllender Spielfilm beobachtet einen Stern beim Verglühen. Der funkelt so düster, dass wir den Blick gar nicht abwenden können.

Päffgens letzte Momente auf Ibiza dienen Nicchiarellis Drehbuch als Klammer. Dazwischen liegt die Zeit von 1986 bis 1988. Päffgen alias Nico, die in Paris und New York gelebt hat, wohnt nun in Manchester. Die Stadt erinnere sie an Berlin nach dem Krieg, sagt sie in einem Radiointerview. Alles sei "in ruins". Dieser Verfall, das Heruntergekommene, das Auseinanderbrechen ist das bestimmende Thema dieses biografischen Roadmovies. Politische Systeme und persönliche Beziehungen bröckeln, in den billigen Absteigen und Musikklubs rieselt der Putz von der Wand. Menschen fallen vor aller Augen auseinander.

Nicos glanzvolle Vergangenheit als Supermodel, als Schauspielerin in Fellinis "La dolce vita" (1960), als Muse von Andy Warhol schimmert nur ab und an als Erinnerungsfetzen auf. Die Gegenwart ist Abglanz. Besonnen, aber mit Nachdruck kämpft die Ausnahmemusikerin gegen ihr altes Image an. Wie kraftvoll ihr Werk nach der Zusammenarbeit mit "The Velvet Underground" ist, wollen all die Journalisten und Fans nicht wahrhaben. Lieber verfestigen sie Nicos Bild als Ikone, als Lou Reeds "Femme fatale". Nicchiarellis Film führt beides eindrücklich vor: den Kampf einer Künstlerin um Anerkennung und die transzendierende Kraft der Musik. Nachinszenierte Live-Auftritte fühlen sich oft unecht an. Die Performances in "Nico, 1988" zählen zu den besten, die das Kino zu bieten hat.

Neben einer klugen Inszenierung, die den Schauspielern Raum lässt und nicht versucht, die Ästhetik von Musikvideos zu imitieren, liegt das vor allem an Trine Dyrholm. Die dänische Darstellerin verschwindet beinahe ganz hinter ihrer Figur. Jeder Blick, jede Geste jeder Satz ihrer abgrundtiefen Stimme, ob in Gesprächen oder während der von Dyrholm selbst gesungenen Lieder, atmet Päffgens Leben irgendwo zwischen gekünstelter Selbstinszenierung und echter künstlerischer Passion.

Dyrholms und Nicchiarellis Nico ist eine Suchende. Wo sie auch hingeht, hat sie ihr Aufnahmegerät dabei, greift Töne von Wasserboilern im heimischen Manchester bis hin zu Kampfjets am italienischen Strand ab. Ihre Mitschnitte sind so wichtig, dass die musikalische Schicksalsgemeinschaft auf der Flucht vor der tschechoslowakischen Polizei noch einmal Halt am Hotel macht, um das dort vergessene Gerät zu holen. Nico sucht den Sound ihrer Kindheit, das Geräusch des brennenden Berlins, wenn man so will, ihre Geburtsstunde als Künstlerin.

Fazit: Susanna Nicchiarellis "Nico, 1988" ist eine kleine, düster funkelnde Perle unter den Künstlerbiografien. Die Mischung aus Biopic und Roadmovie fängt die Essenz einer Musikerin und ihrer Songs mit viel Zeitkolorit und einer glänzend aufgelegten Hauptdarstellerin ein.




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