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Kritik: Reggae Boyz (2018)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Der Starttermin von Till Schauders jüngstem Dokumentarfilm ist klug gewählt. Eineinhalb Monate vor der Eröffnung der Fußballweltmeisterschaft in Russland, während die Tage noch länger und die Temperaturen angenehmer werden, verbreitet "Reggae Boyz" mit farbenprächtigen Bildern und sonnigen Gemütern Vorfreude auf das sommerliche Großereignis. Erneut gelingen Multitalent Schauder einfühlsame, charmante Porträts und ein ausgesprochen stimmungsvoller Film.

Wer die vergangene WM in Brasilien noch in Erinnerung hat, weiß, dass Jamaika nicht mit von der Partie war. Der Spannung tut das keinen Abbruch, weil Schauder die Qualifikationsspiele wie einen Krimi inszeniert. Die von ihm selbst geführte Kamera ist hautnah dabei, wenn die Spieler auf dem grünen Rasen und das Publikum auf den weitläufigen Tribünen gemeinsam verzweifeln und Trainer Winfried "Winnie" Schäfer an der Seitenlinie auf Deutsch flucht.

Dem Regisseur geht es aber um mehr als nur um Fußball. Wie schon Bob Marley, der einst die Kraft des "schönen Spiels" pries, ist Schauder an der Verquickung von Musik, Religion und Sport interessiert. Daher beschränkt er sich nicht auf eine Perspektive, sondern baut seinen Dokumentarfilm von vornherein aus der Sicht mehrerer Protagonisten auf. Der Deutsche Winnie Schäfer dient ihm dabei als Mittler zwischen den Welten, verkörpert er doch den Außenstehenden, der die ihm fremde Kultur mit neugierigem Blick erkundet. Die Musiker der Gruppe "The No-Maddz" und der Amateurfußballer Jermaine "Tuffy" Anderson wiederum stehen für eine junge Generation von Jamaikaner, die die Hoffnung auf eine bessere Zukunft noch nicht völlig verloren haben.

Wie schon in seinen anderen Dokumentarfilmen, etwa "Der Iran Job" oder "Wenn Gott schläft", kommt Till Schauder den Porträtierten sehr nah. Auch das Klima, das irgendwo zwischen Hoffnung, Resignation und Galgenhumor hin und her pendelt und die Musikalität des Alltags fängt "Reggae Boyz" gekonnt ein. Weil er dabei aber vor allem gute Laune und Optimismus verbreiten will, kommen gesellschaftspolitische Probleme zu kurz. Dass Jamaika eine der höchsten Mordraten der Welt hat, erfährt man nur im Presseheft. Im Film schimmern diese Missstände zwar an allen Ecken und Enden durch, werden aber nie konkretisiert.

Fazit: In "Reggae Boyz" blickt Till Schauder anhand der Fußballnationalmannschaft auf die jamaikanische Gesellschaft. Das Ergebnis ist ein sehr vergnügliches, humorvolles und von leiser Ironie durchzogenes Porträt, das in erster Linie Hoffnung verbreiten möchte, worüber es die Kehrseite der Medaille ein wenig aus den Augen verliert.




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