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Hagazussa - Der Hexenfluch
Hagazussa - Der Hexenfluch
© Forgotten Film Entertainment

Kritik: Hagazussa - Der Hexenfluch (2017)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Gute Debütfilme sind selten, allemal, wenn sie sich ans hierzulande so stiefmütterlich behandelte Genrekino wagen. Wer will es den Regienovizen verübeln? Schließlich stehen sie erst am Beginn einer möglichen Karriere, erproben sich noch, suchen ihren persönlichen Stil, ihre eigene Stimme. Lukas Feigelfeld hat seine bereits gefunden und trägt sein Schauermärchen mit beängstigendem Vibrato vor.

"Hagazussa" lebt voll und ganz von seiner dichten Atmosphäre, die Feigelfeld durch eine Reduktion aufs Wesentliche, eine strenge Komposition und viel Mut zur Lücke erzeugt. Wir wissen weder wann noch wo die Geschichte spielt, wenn uns der Regisseur unvermittelt in die Eiseskälte einer Winterlandschaft wirft. Das erste Wort der kleinen Albrun (Celina Peter) fällt erst nach 12 Minuten. Doch schon ihr Blick und der ihrer Mutter (Claudia Martini) lassen keinen Zweifel daran, dass noch etwas anderes im Dunkel des Waldes haust.

Geschickt spielt der Film in den darauf folgenden vier Akten "Schatten", "Horn", "Blut" und "Feuer" mit unserer Erwartungshaltung. Feigelfelds virtuos durchkomponierte Einstellungen, in denen jedes Ding am rechten Fleck und jeder Blick sitzt, kein Gegenstand und kein Wort zu viel ist, sofern überhaupt eins fällt, verströmen beharrlich ein Unbehagen. Dieses Gefühl, dass jeden Moment etwas Monströses in die Erhabenheit des Alpenpanoramas hereinbrechen könnte, wird durch das beeindruckende Ensemble, allen voran Langfilmdebütantin Aleksandra Cwen und durch die Tonspur verstärkt.

Dort wabern und dröhnen die tiefen Frequenzen der griechischen Band MMMD, die Feigelfelds karge, aber berückende Bildsprache untermauern, die gegen Ende ins Abstrakte abdriftet. Gemeinsam mit dem Rauschen des Windes und geschickt montierten Detailaufnahmen werden daraus wiederholt taktile Szenen, die von einem sinnlichen Erlebnis beim Melken der Ziegen über den ganz eigenen Horror geschlachteten Fleisches bis zu einem Farbrausch im Sumpf reichen.

Bis zum Schluss widersteht "Hagazussa" der Versuchung, das Unerklärliche restlos aufzuklären. Woran starb Albruns Mutter? Wer ist der Vater ihres Kindes? Tut sie das, was sie tut, weil sie tatsächlich ist, wofür die Dorfgemeinschaft sie hält oder wird sie erst durch deren Ablehnung zur Brunnenvergifterin und Kindsmörderin? Feigelfeld gibt keine Antwort auf diese Fragen, und das ist ein großes Glück. Sein Film hat alles, was einen guten Horrorfilm ausmacht – Blut und Eingeweide, Geschwüre und Gebeine, Tod und Lust – und ist doch ganz anders, als wir es erwarten.

Fazit: "Hagazussa – Der Hexenfluch" ist ein atmosphärisches, streng komponiertes und beängstigend abgebrühtes Debüt. Wer Grusel abseits üblicher Hollywood-Stangenware liebt, ist hier genau richtig. Regisseur Lukas Feigelfeld unterläuft geschickt die Erwartungshaltung seines Publikums und schafft gerade dadurch etwas ganz Eigenes. Düster und dicht, karg und kraftvoll, versiert und visionär.




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