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FBW-Bewertung: Ein Dorf zieht blank (2018)

Prädikat besonders wertvoll

Jurybegründung: EIN DORF ZIEHT BLANK von Philippe le Guay ist eine Gesellschaftskomödie in der Tradition erfolgreicher französischer Filme wie MONSIEUR CLAUDE UND SEINE TÖCHTER: Auf unterhaltsame und amüsante Weise sollen soziale und ökonomische Probleme des Landes vermittelt werden. Allerdings liegt der Schwerpunkt von le Guays Film nicht im Interkulturellen, sondern in derWirtschaft Frankreichs .
Das Frankreich der Gegenwart leidet unter der europäischen Wirtschaftskrise, und gerade die Bauern der Normandie bleiben nicht davon verschont. Nach dem verheerenden Preisverfall für Fleisch und Gemüse stehen viele Landwirte in der kleinen Ortschaft Mêle sur Sarthe kurz vor dem wirtschaftlichen Bankrott. Doch Georges Balbuzard (Francois Cluzet),der agile Bürgermeister des kleinen Ortes, will nicht so einfach aufgeben und ersinnt einen Plan, wie er die französische Öffentlichkeit auf die Krise aufmerksam machen will. Die Anwesenheit eines amerikanischen Starfotografen soll ein kollektives Nacktbild der Bauern ermöglichen, das ein international wahrnehmbares Zeichen des Protests setzen könnte.
Der amerikanische Fotograf Newman (Toby Jones) kommt eher per Zufall mit der Gegend in Berührung, ist aber bald besessen von der pastoralen Landschaft und will sie unbedingt für einen Hintergrund eines nackten Massenbildes. Doch am Tag der Umsetzung scheitert das Vorhaben an dem unsolidarischen Fernbleiben der TeilnehmerInnen. Nun ist guter Rat teuer.
Mit viel Herz und einer mitunter faszinierenden rhythmischen Eleganz inszeniert le Guay die ländliche Atmosphäre der nordfranzösischen Provinz. Dazu kontrastiert er die gereizte Krisenstimmung Europas, die stellenweise durchscheint, den Film jedoch nie in den Pessimismus abgleiten lässt. Auf diese Weise bietet der Film einen amüsanten Einblick in eine ernsthafte Thematik und wägt diejeweiligen Argumente sorgsam ab. So finden wir hier eine latente Fremdenfeindlichkeit (gegen Amerikaner, Deutsche und Rumänen) neben einem versöhnlichen Duktus ? etwa wenn die beiden Nachbarn nach drei Generationen ihre Grenzstreitigkeiten beenden. Die Hoffnung ? so die Logik des Films ? liege in der heimischen Loyalität.
Das recht große Figurenarsenal des Films beginnt mit der pubertären Perspektive eines zugezogenen Stadtmädchens und mischt im Verlauf Innen- und Außensicht zu einem vielseitigen Panorama. Dabei interessiert sich die Regie vor allem für eine versöhnliche und gute Grundstimmung. Konflikte auf persönlicher Ebene werden auf der Binnenebene letztlich beigelegt, auch wenn das bedeutet, dass sich der Städter mit seiner Tochter folgerichtig nach Paris zurückzieht.
Eine stimmige Montage verbindet die divergenten Perspektiven und ist von einer tiefen Sympathie für die Franzosen und ihre Schrulligkeiten geprägt. Atmosphärische Stimmungsbilder gliedern die kollektive Tragikomödie, die durch die schauspielerisch überzeugende Hauptfigur des Bürgermeisters katalysiert wird. Dabei bleiben wenige Geheimnisse ? de Guay behält das leichte ?Feelgood Movie? mit Problembewusstsein im Blick. Er bleibt in manchen Aspekten (Tierhaltung und Fleischwirtschaft z. B.) bewusst an der Oberfläche, deutet anderes nur an oder löst es auf. Die erwähnten konservativen Tendenzen werden letztlich nicht affirmiert, sondern als hilflose Selbstvergewisserung gekennzeichnet.
Für ein erwachsenes Programmkinopublikum ist EIN DORF ZIEHT BLANK ein unterhaltsames und detailfreudiges Vergnügen ? im besten Sinne altmodisches französisches Genrekino.



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