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Wunder der Wirklichkeit
Wunder der Wirklichkeit
© Real Fiction

Kritik: Wunder der Wirklichkeit (2017)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Thomas Frickel kennt sich mit Mockumentarys aus. Gemeinsam mit dem 2002 verstorbenen Kabarettisten Matthias Beltz hat der Regisseur 1997 "Deckname Dennis", einen der besten Vertreter dieser Zwittergattung, 2011 dessen Nachfolger "Die Mondverschwörung" realisiert. "Wunder der Wirklichkeit" widmet sich nun einem anderen verstorbenen Künstler: Martin Kirchberger, der den satirischen Dokumentarfilm in Deutschland salonfähig gemacht hat, als ihn noch keiner "Mockumentary" nannte.

Der große Riss, den der tödliche Flugzeugabsturz im Privaten wie in der Rüsselsheimer Kulturszene hinterlassen hat, ist schon auf dem Filmplakat zu sehen. Er geht mitten durch den Titel und macht die "Wunder" auch zu "Wunden der Wirklichkeit". Bei manchen sind sie bis heute nicht verheilt. Gleich vorneweg gibt Frickel zu, dass er die 25 Jahre Abstand gebraucht hätte, um diesen Film zu machen. Es ist ein sehr persönlicher, mal trauriger, meist fröhlich-anarchischer, aber stets respektvoller Nachruf auf den Freund und Künstler geworden, den das Wörtchen "umtriebig" wohl am besten beschriebe.

Umtriebig ist dann auch Frickels Film geraten, der munter zwischen den Interviewpartnern springt und sich dabei wenig um inhaltliche Stringenz oder formale Brillanz schert. Am Beispiel eines Freigeists, der aus der spießigen Enge Rüsselsheims ausbrechen wollte, zeichnet "Wunder der Wirklichkeit" im Vorbeigehen auch ein liebevolles Porträt der westdeutschen Provinz in den 1980ern und ein Traumbild davon, wohin sich die deutsche Filmlandschaft hätte entwickeln können. Ob "Wunder der Wirklichkeit" den heimischen Filmnachwuchs inspiriert oder nicht, Kirchbergers künstlerisches Motto lässt sich auch auf Frickels Hommage anwenden: "Vielleicht war alles umsonst, aber wir hatten ein gutes Gefühl."

Fazit: Mehr als ein Vierteljahrhundert nach dessen tragischem Tod zeichnet Thomas Frickel ein sehr persönliches, fröhlich-anarchisches Porträt seines Freundes Martin Kirchberger. Frickels dokumentarischer Nachruf auf einen umtriebigen Künstler ist ein umtriebiger Film, den die Zuschauer mit einem guten Gefühl verlassen.




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