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Why are we creative?
Why are we creative?
© Rise and Shine Films GmbH

Kritik: Why are we creative? (2018)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Eins vorweg: Die alles entscheidende Frage, die Hermann Vaske seit nunmehr 30 Jahren um- und antreibt und die er der Einfachheit halber gleich zum Titel seines Films erhoben hat, beantwortet "Why are we creative?" nicht. Wie sollte er auch? Schließlich haben sich über diese Frage schon unzählige andere kluge Köpfe eben diese zerbrochen. Vaskes dokumentarische Odyssee ist dennoch sehenswert, und zwar aus einem Grund, den der im März 2018 verstorbene Physiker Stephen Hawking vor der Kamera auf den Punkt bringt: "Es ist viel besser voller Hoffnung zu reisen, als anzukommen."

Diese Reise führt Hermann Vaske rund um den Globus. Egal ob in einem Hotelzimmer mit David Bowie, auf der Couch mit Björk oder während eines Kongresses mit George H.W. Bush – stets lautet die Frage: "Why are you creative?", die Vaske gern um ein "What drives you?" ergänzt. Nicht selten ähnelt sein Verhaltern dem eines aufdringlichen Fans oder eines Paparazzos, wenn er etwa Quentin Tarantino am Rande eines Filmfestivals oder den sichtlich genervten David Lynch in einem Hotelflur auf dem Weg zum Fahrstuhl abpasst. Allein die unterschiedlichen Moden und Frisuren sowie die diversen Film- und Videoformate, die Vaske aufwendig in ein erzählerisches Ganzes überführt hat, sind einen Kinobesuch wert.

Die Antworten sind zunächst erwartbar. Während die einen, ganz im Sinne Pablo Picassos, Kreativität als angeborene Eigenschaft erachten, die mit dem Erwachsenwerden verloren gehe und sich ein jeder Künstler erhalten müsse, halten andere wie die 2016 verstorbene Architektin Zaha Hadid sie für erlernt. Für Komiker John Cleese ist eine Verschränkung möglichst unterschiedlicher kultureller Herkünfte und Hintergründe entscheidend. Bei Performance-Künstlerin Marina Abramović war das Gegenteil der Fall. Ihr familiäres und kulturelles Regelkorsett konnte sie erst dank ihrer Kreativität sprengen.

Mit selbstreflexivem, teils ironischem Kommentar und tänzelnden Animationen arbeitet Vaske die üblichen Verdächtigen kreativer Ursprünge ab: Sex, Tod, Religion und Spiritualität. Mal ist die Kreativität Suchtmittel, von dem die Kreativen nicht genug bekommen können, mal hält sie sie am Leben, mal vom Freitod oder davon ab, anderen an die Gurgel zu gehen. Gegen Ende stellt der Film schließlich die spannende Frage, wie viel Kreativität die Politik nötig hat. Angesichts der derzeitigen Visions- und Einfallslosigkeit scheint sie dringlicher denn je.

Vielleicht seien die Antworten ja so vielgestaltig wie die Anzahl der Kreativen auf dieser Welt, zieht Vaske am Ende ein vorhersehbares Fazit. Und auch hier fasst ein Zitat eines Kreativen das Ergebnis der bislang 30-jährigen Odyssee perfekt zusammen. "Ich glaube, man sollte einen Tausendfüßler nie fragen, warum er geht, dann fängt er an zu stolpern", sagt der Regisseur Michael Haneke. Das Erstaunlichste an Hermann Vaskes Film sind denn auch nicht die Antworten, die die Kreativen geben, sondern die verblüfften Gesichter der Befragten, die mit der Frage meist völlig überfordert sind.

Fazit: Hermann Vaskes Dokumentarfilm geht seiner titelgebenden Frage mit ansteckendem Enthusiasmus, einem Schuss positiver Verrücktheit und jeder Menge eigener Kreativität nach. Ein spannendes Zeitdokument und eine amüsante Odyssee, an deren Ende freilich keine großartig neuen Erkenntnisse stehen.




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