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Kritik: Berlin Excelsior (2017)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Mit seinem dokumentarischen Langfilmdebüt "Berlin Excelsior" widmet sich der 1983 geborene Erik Lemke zusammen mit seinem Co-Autor und Kameramann André Krummel der Situation einiger Menschen, die im Excelsior-Haus – einem Wohn- und Geschäftsgebäude im Berliner Ortsteil Kreuzberg – leben. Lemke ist selbst ein Mieter und porträtiert somit seine Nachbarschaft, die (wie Krummel es in einem Interview formuliert) als "die Mitte der Gesellschaft" aufgefasst werden kann. Ähnlich wie etwa Frederick Wiseman in seinen Arbeiten (darunter "National Gallery" und "Ex Libris – Die Public Library von New York") verzichtet das Duo auf Äußerungen via voice-over sowie auf Interviews mit den gezeigten Personen, sondern konzentriert sich ganz auf die stille Beobachtung. Die oft kunstvollen Bildkompositionen und der Einsatz von Musik grenzen das Werk wiederum vom direct cinema ab.

Auf die bewegte Historie des Berliner Excelsior-Hauses in der Stresemannstraße 68-78 wird an einer Stelle des Films durch eine Reihe von Archivaufnahmen eingegangen; zugleich spiegelt sich in dessen Geschichte von den hochfliegenden Plänen zur Zeit des Baus und den zahlreichen Vorfällen, die diese im Laufe der Jahre verhinderten, auch die heutige Lage der Leute, die dort wohnen. Dabei blicken Lemke und Krummel weder mit Spott noch mit Betroffenheit, sondern völlig offen auf das Leben der Porträtierten. "Berlin Excelsior" begleitet etwa den gelernten Reiseleiter und Erzieher Norman bei seinen Versuchen, sein Projekt "ChangeU" – ein Coaching-Angebot um Fitness, Ernährung und Lifestyle – voranzutreiben. Überschwängliche Momente, in denen sich Norman optimistisch gibt und auf Facebook präsentiert, finden ebenso ihren Platz wie Augenblicke, in denen er in Tränen ausbricht, da er erneut seine Mutter um Geld bitten muss.

Was viele der einzelnen Stränge verbindet, ist das Gefühl, ein Leben "in der Warteschleife" zu verbringen – in der Hoffnung, dass die Zukunft etwas Besseres, Glamouröses, Spektakuläreres bringt. So träumt die Restaurant-Angestellte Claudia, die einst als Showgirl tätig war, von einer Schauspielkarriere und will diese mit aufwendigen Fotoshootings in Gang setzen. Der ehemalige Escort-Boy Michael, der bald 50 wird, versucht indessen unter anderem, mit Make-up-Tutorials auf YouTube Erfolg zu haben. Als Berater dient den Suchenden und Rastlosen der Tausendsassa Richard – ein sympathischer Rentner, der mal als Fotograf, mal als Unternehmensberater in Erscheinung tritt.

Fazit: Eine facettenreiche, sehenswerte Betrachtung der Bewohnerschaft des Excelsior-Hauses, in welcher die Träume der Menschen in dem Berliner Stahlbetonbau unkommentiert eingefangen werden.




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