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Bonjour Paris
Bonjour Paris
© eksystent distribution filmverleih

Kritik: Bonjour Paris (2017)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Das Spielfilmdebüt der französischen Regisseurin und Drehbuchautorin Léonor Serraille wurde auf dem Filmfestival von Cannes 2017 mit der Camera d‘Or ausgezeichnet. Es erzählt die spannende Emanzipationsgeschichte einer jungen Frau, die nach der Trennung von ihrem Freund in Paris buchstäblich vor dem Nichts steht. Im Rahmen der Filmtour "Femmes totales – Filme von Frauen" kommt dieser bewegende, energiegeladene Film nun auch in deutsche Kinos.

Die Trennung von ihrem älteren Freund wirft Paula völlig aus der Bahn. Atemlos schildert sie einem Klinikarzt ihre Lage, gerät in Rage, beschädigt die Einrichtung, bevor sie ruhiggestellt wird. Ihr labiler Gefühlshaushalt lässt sie unberechenbar wirken, aber wenn sie in der Metro durch die Stadt fährt und in die Gesichter der fremden Menschen blickt, sieht Paula unendlich traurig und müde aus.

Sie greift nach jedem Strohhalm, der ihr geboten wird und antwortet auf allzu neugierige Fragen mit gewitzten Ausflüchten. Ihre kindliche Ader und ihre Spontaneität erweisen sich nach anfänglichen Schwierigkeiten als nützlich, um mit dem Mädchen, um das sie sich kümmern soll, in Kontakt zu treten. Es wirkt sehr realistisch, wenn Paula für ihre Anstrengungen nicht automatisch die Anerkennung erfährt, die sie eigentlich verdient.

Laetitia Dosch trägt mit ihrem intensiven und enorm vielseitigen Spiel die ganze Geschichte auf ihren Schultern. In der anfänglichen Phase der Verlorenheit klagt Paula einmal in einem kurzen Gespräch mit einem Unbekannten, dass diese Stadt keine Menschen möge. Die Kamera fängt die Anonymität auf den Straßen, in den Geschäften, in der Metro, den Clubs scheinbar ungerührt ein und erzeugt dabei eine fesselnde Atmosphäre. Von Anfang an möchte man den Blick nicht mehr von Paula abwenden, die am Rande des Abgrunds steht und dennoch nicht zu tanzen vergisst.

Gerade die Tanzszenen können eine elektrisierende Kraft entwickeln, wie auch der Soundtrack von Julie Roué. Was Paula zunächst Angst macht, die flüchtige Natur der Begegnungen in der großen Stadt, das Fehlen eines verlässlichen Ankers, wirkt allmählich anders auf sie. Auch andere, einschließlich einer Ärztin, die sie berät, haben sich mit einer gewissen Einsamkeit in der Stadt arrangiert. Paula lernt, zu improvisieren und sich auf sich selbst zu verlassen. Diese immer wieder dramatische Entwicklung schildert der Film sehr glaubwürdig und dabei auch noch ausgesprochen unterhaltsam.

Fazit: Da Spielfilmdebüt der französischen Regisseurin Léonor Serraille überzeugt als spannendes und realitätsnahes Drama einer jungen Frau, welche die Trennung von ihrem Partner in eine Existenzkrise stürzt. Laetitia Dosch spielt die Hauptfigur und ihr Chaos der Gefühle mit einer rückhaltlosen Offenheit, die beeindruckt und bewegt. Dabei wirkt die Not dieser Frau, die ein Obdach sucht und darum kämpft, auf eigenen Beinen zu stehen, niemals zu dick aufgetragen. Auch humorvolle Töne haben in dieser energiegeladenen Emanzipationsgeschichte ihren Platz.




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