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Kritik: Fridas Sommer (2016)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Carla Simóns Langfilmdebüt ist von der eigenen Biografie inspiriert. Wie Frida (Laia Artigas) wuchs die Regisseurin und Drehbuchautorin bei Verwandten auf. Auch Simóns Eltern starben Anfang der 1990er-Jahre an Aids. Ihre berührende, aber nie rührselige Geschichte eines Mädchens in schwierigen Familienverhältnissen steht im Kinojahr 2018 in einer Reihe thematisch ganz ähnlich angelegter Filme – von "The Florida Project" über "Rara – Meine Eltern sind irgendwie anders" bis "Die Tochter" und "Meine Tochter – Figlia Mia".

Seine Deutschlandpremiere feierte "Fridas Sommer" bereits im vorvergangenen Winter. Das spanische Coming-of-Age-Drama startete im Februar 2017 in der "Generation Kplus" der 67. Berlinale und weist damit eine weitere Parallele zu "Rara" auf. Der lief dort 2016 in derselben Sektion und erhielt wie "Fridas Sommer" den "Großen Preis der internationalen Jury". Obendrauf gab es für Carla Simón eine Auszeichnung für den besten Erstling. Was ihr Debüt so sehenswert macht, ist die einfühlsame, konsequent aus Kinderaugen geschilderte Inszenierung.

"Fridas Sommer" beginnt und endet mit seiner kleinen Titelheldin. Jede Szene ist um dieses Mädchen gebaut, das im Umgang mit seiner Trauer bewundernswert, aber auch unglaublich egoistisch und anstrengend sein kann. Und weil die Sechsjährige nicht alles um sich herum sofort begreift, tappen auch wir Zuschauer zunächst im Dunkeln. Die Bewegungen und Gespräche der Erwachsenen nehmen erst nach und nach Kontur an, je stärker sie in Fridas neuem Leben eine Rolle spielen. Zu Beginn sind sie zu Randerscheinungen degradiert. Die Kamera stellt sie nicht scharf, die Tonspur fängt sie nur undeutlich ein.

Laia Artigas meistert diese Herausforderung bravourös. Ihr Spiel ist natürlich und doch unglaublich tief. Vor allem im Verbund mit der noch jüngeren Paula Robles gelingen Carla Simón äußerst wahrhaftige Szenen. Den Wechsel zwischen kindlicher Fantasie und dem Erahnen, ja dem Wissen um die Realität, die Art und Weise, wie Kinder sich in Lügen verstricken, um ein schlechtes Gewissen zu vermeiden – all das gab es selten so präzise und gleichermaßen feinfühlig auf der Leinwand. Weil Kameramann Santiago Racaj den beschriebenen Sommer in sonnendurchflutete Aufnahmen gießt, sieht das Ganze zudem trotz aller Natürlichkeit nicht nach puristischem Dokudrama aus.

Fridas kindlichem Gemüt und Überblick entsprechend erzählt Carla Simóns Drehbuch lose, sprunghaft und episodisch. So unvermittelt sie uns in die Handlung wirft und am Ende wieder daraus entlässt, so abrupt wechselt sie auch die Orte. Nie gibt es eine Eröffnungsszene, immer sind wir mittendrin – ob beim Stadtfest oder in der Kneipe eines Freibads. Für Simóns erwachsenes Publikum sind Fridas Ersatzeltern ein Anker. David Verdaguers und Bruna Cusís zärtlich-zurückhaltendes Spiel ergänzt das der beiden Kinder perfekt. Am Beispiel ihrer Figuren zeigt Carla Simón nicht nur, wie schwierig das Elternsein sein kann, sondern auch eine wundervolle Erziehung, die selbst da auf Einsicht und Verständnis setzt, wo andere längst die Nerven verloren hätten.

Fazit: Carla Simóns Langfilmdebüt besticht durch glaubhaft gezeichnete Figuren und Episoden. Simón erzählt lose, unaufgeregt und mitfühlend von Abschied und Neubeginn eines sechsjährigen Mädchens. Hauptdarstellerin Laia Artigas ist natürlich und tiefgründig. Ein zartes, leichtfüßiges und traurig-schönes Familiendrama.




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