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Kritik: Kolyma (2017)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Dokumentarfilme bringen uns die Welt und das Leben näher; im besten Fall vermitteln sie uns Aspekte, die wir noch nicht kannten. Bei Stanisław Mucha, der mal die Wurzeln von Ikonen freilegt ("Absolut Warhola", "Die Wahrheit über Dracula"), mal ins Zentrum ("Die Mitte"), mal an die geografischen wie gesellschaftlichen Ränder vordringt ("Reality Shock", "Zigeuner", "Happy End") lernen wir viel über die skurrilste Erscheinung der Welt und des Lebens: den Menschen. Für "Kolyma" ist er nun an den äußersten Osten Sibiriens gereist.

"Kolyma" folgt einem einfachen Konzept. Mucha startet in Magadan, jener Hafenstadt am Ochotskischen Meer, in der die titelgebende Straße "R504 Kolyma" endet und fährt sie 2000 Kilometer in Richtung ihrer Entstehung bis nach Jakutsk entlang. Aus den Beobachtungen während der Fahrt, den Gesprächen am Wegesrand hat Mucha ein dokumentarisches Roadmovie montiert, das seine unverwechselbare Handschrift trägt. "Kolyma" ist erhellend und bewegend, mal albern, mal tiefgründig und hält perfekt die Waage zwischen Muchas subjektiver und einer neutralen Position.

Wer Russland verstehen will, dieses Riesenreich zwischen Europa und Asien, der muss es von seinen Rändern aus betrachten, scheint Mucha mit "Kolyma" zu sagen. In seinem jüngsten Dokumentarfilm geht der in Polen geborene, mittlerweile in der Nähe von Heidelberg lebende Filmemacher aber auch der Frage nach, wie Menschen mit ihrer Vergangenheit umgehen (sollten). Wie lebt man an einem Ort, an dem Millionen Zwangsarbeiter ihr Leben gelassen haben? Wie mit der Schuld, mit den Lagern, mit der Historie umgehen? Aufarbeiten oder vergessen? Und hat dieser Ort durch eine Vergangenheit eine negative Aura?

Russland, wie es sich Stanisław Mucha während seines Roadtrips darbietet, stets von den mal schelmischen, mal ernsten Rückfragen des Regisseurs aus dem Off begleitet, ist ein meist liebenswertes, mal verstörendes Kuriositätenkabinett. Hier steht die unbedarfte Kioskverkäuferin, die das Wort "Gulag" nicht kennt, stattdessen "Gulasch" versteht, neben Schülerinnen, die Lieder über ihre siegreiche Nation singen. Hier stehen Stalin-Verharmloser neben Exhäftlingen, die unumwunden drastisch ihre Morde schildern, Putin-Fans neben seinen schärfsten Kritikern, durchgeknallte Hobbywissenschaftler neben spleenigen Eisskulpteuren. Wie viel Flunkerei auch dabei sein mag, spannende Geschichten erzählen können sie allesamt. Auf die Frage nach der Schuld gibt schließlich ein Schamane die weiseste, weil simpelste Antwort.

Fazit: "Kolyma" ist ein skurriler Roadtrip durch den äußersten Nordosten Russlands. Filmemacher Stanisław Mucha stellt die Frage nach dem Umgang mit der eigenen Vergangenheit. Dabei fördert er ebenso erschütternde wie abscheuliche Schicksale und die dazugehörigen liebenswert-verschrobenen, verstiegen-abstoßenden und bei aller Flunkerei zutiefst ehrlichen Menschen zutage.




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