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FBW-Bewertung: LOMO: The Language of Many Others (2017)

Prädikat besonders wertvoll

Jurybegründung: Die FBW-Jury hat dem Film das Prädikat besonders wertvoll verliehen.

LOMO ist ein Film, an dem sich sicherlich die Geister scheiden werden. Und dies taten sie zunächst auch in der Jurysitzung. Julia Langhofs Film erzählt eine ungewöhnliche Coming-Of-Age-Geschichte eines Jugendlichen aus einem offensichtlich privilegierten Berliner Milieu.
LOMO ist das Pseudonym, das Karl in seinem Internetblog language-of-many-others.com führt. Während der schüchterne 17-Jährige im Realleben eher durch Gleichgültigkeit auffällt, tauscht er sich im Blog recht kreativ mit anderen Teenagern über Schule, Leben, Eltern u.v.m. aus. Zunehmend scheint die Virtualität über Karls Realität zu dominieren. Dann hat er die Idee, Filmclips, zunächst seiner Familie, und dann von ihm und seiner Mitschülerin Doro beim Sex hochzuladen und Karls Probleme beginnen.
LOMO ist ein handwerklich glänzend gemachter Film über den Einzug des Virtuellen in den Alltag von Teenagern. Während sich Karl eher mühsam durch seinen Alltag hangelt, begleiten ihn beständig die Kommentare seiner Follower im Blog. Die Jury zeigte sich in der anschließenden Diskussion beeindruckt vom filmtechnischen Können, mit dem es Julia Langhof gelingt, diese parallel verlaufenden Welten im Film zu kombinieren. Ästhetisch und wirkungsvoll erhalten die Zuschauer ein Verständnis von Karls multisensorischer Alltagswahrnehmung.
Eine rege Diskussion entstand dagegen rundum das konstruierte Setting. Und in der Tat gehören eine Nachbarschaft, in der nur wenige Menschen stadtbewegende Dinge geschehen lassen, oder eine Senatorin, die alleine über Projektvergaben entscheiden kann, nicht zum realen Alltag in Deutschland. Allerdings entschied die Jury, dass diese verstellte Realität zur Sicht Karls gehört, der dieHandlungen von Eltern und Erwachsenen genauso wenig verstehen will, wie diese die Welt des Schülers. Und so erklärt sich letztlich auch, warum Karls virtuelle Handlungen zum Katalysator für die realen Probleme seiner Umwelt werden können.
Besonders beeindruckt zeigte sich die Jury von der Liebe zum Detail. LOMO hat durch sein Spiel mit Licht und Schärfe, seine versierten Schnitte und schöne Szenen begeistert, die mit nur wenigen Einstellungen großartig erzählen können, so, wie ein kleiner Ausflug in eine Waschanlage, in der sich eine Liebe anbahnt und für angenehmes Kribbeln beim Publikum sorgt.
Erfreut zeigte sich die Jury auch vom Casting. Besonders Jonas Dassler als Karl, der mit seinen deutlichen Wangenknochen und seinerüppigen Mähne sicherlich auch einen Starcharakter unter der Zielgruppe entwickeln wird, besticht durch seine authentische Darstellung des indolenten Jugendlichen.
Je mehr Karls reales Leben aus den Fugen gerät, desto mehr Unterstützung erfährt er bei seinen Followern im Netz. Und so scheint es auch recht plausibel, dass ihn die Virtualität gleich einem Rausch aus der Realität verdrängt. Schließlich raten ihm seine Follower zu seinen nächsten Schritten in der realen Welt. Dies geschieht, wie inBlogs und Foren üblich, mit großer Überheblichkeit und ohne genaue Kenntnis der realen Situation. Aber, um Missverständnissen vorzubeugen, LOMO zeigt sich niemals technophob. Der Film bedarf keines erhobenen Zeigefingers, um vor den Gefahren des Virtuellen zu warnen, er treibt gekonnt auf die Spitze und lässt zum Glück viele Fragen offen.
Für so viel Kreativität, handwerkliches Können und Hingabe an ein Projekt verleiht die Jury LOMO das Prädikat besonders wertvoll.




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