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Kritik: Candelaria - Ein kubanischer Sommer (2018)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Not macht erfinderisch. Die Kleider für ihre Auftritte schneidert Candelaria (Verónica Lynn) schon lange selbst. In der Krise stellt sie auch noch ihre eigene Schminke her, aus roter Tafelkreide. Die bringt etwas Farbe in ihr fahles Gesicht. Candelaria singt von wehmütigen Erinnerungen an vergangene Tage und von Wunschträumen einer besseren Gesellschaft. Ein Zufallsfund macht schließlich auch ihren Ehemann Victor Hugo (Alden Knight) erfinderisch und lässt das Paar ganz ohne Hilfsmittel erröten.

Wie so viele Filme aus und über Kuba verströmt "Candelaria" die inseltypische Mischung aus Melancholie und Lebensfreude. Auch von der Sehnsucht nach Flucht und der Liebe zur Heimat erzählt der Kolumbianer Jhonny Hendrix Hinestroza, verschiebt diesen inneren Konflikt aber auf die Nebenfigur El Negro (Manuel Viveros). Für solche Träumereien sind seine Protagonisten zu gebrechlich. Für Sex gibt es im Sozialismus hingegen keine Altersbeschränkung. Und so findet neben der allgemeinen Gemütslage und dem Volkssport Baseball auch das andere große Thema kubanischer Filme, die Lust und Leidenschaft in all ihren schillernden Facetten, Eingang in Hinestrozas Drama. Durch die Wahl seiner Protagonisten verschiebt der Regisseur und Drehbuchautor auch hier geschickt den Fokus.

Hinestroza inszeniert die späte Wiederannäherung eines alten Paars wie einen ersten Tanz: zunächst zaghaft, dann zaudernd, am Ende im romantischen Einklang. Verónica Lynn und Alden Knight spielen das mit rührender Zurückhaltung. Soledad Rodriguez' Kamera fängt die Schönheit des Verfalls, die der Körper und die der Gebäude, in all ihrer Farbenpracht ein. Perfekt kadrierte Tableaus, mal draußen, meist drinnen, wechseln sich ab. Der Blick ist streng auf die Figuren verengt. Ihre Umwelt kann schon einmal in der Unschärfe verschwimmen, wenn die Gesellschaft in Wallung gerät.

Hinestroza nähert sich seinen Figuren zärtlich und mit feinem Humor. Dann schreckt das Paar vor Küssen zurück, weil sie mit dieser spontanen Zuneigung ihres Partners nicht gerechnet haben. Und eine Entkleidungsszene wird zum taktilen Kampf mit Haken, Ösen und eingerosteten Gelenken. Wenn mitten in einer Radioansprache voller Durchhalteparolen der Strom ausfällt, kommentiert Hinestroza augenzwinkernd die politische Lage. Candelaria und Victor Hugo verteufeln diese nicht. Sie sind, so formuliert es El Negro, wie das Haus und das Land, in dem sie leben: "Komplett im Eimer, aber zu Fall bringt es keiner."

Fazit: "Candelaria" ist ein tragikomisches Drama über ein Liebespaar, das im hohen Alter noch einmal zueinanderfindet. Ein Film über Liebe, Krankheit und Tod wie das Land und die Leute: melancholisch und lebenslustig zugleich.




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