VG-Wort
Die Domain Spielfilm.de verwendet Cookies für funktionale und analytische Zwecke. Durch die Nutzung unserer Seite erklärst Du Dich damit einverstanden. Weitere Cookie-Informationen findest Du hier.

Ok, einverstanden!

oder
Aus einem Jahr der Nichtereignisse
Aus einem Jahr der Nichtereignisse
© Wolf Berlin

Kritik: Aus einem Jahr der Nichtereignisse (2017)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Der Dokumentarfilm von Ann Carolin Renninger und René Frölke taucht in eine halb vergessene Welt ein. Auf dem Dreiseitenhof in Norddeutschland, auf dem der alte Willi lebt, gehen die Uhren anders. Willi fällt das Gehen schwer, aber er tritt immer wieder vor die Tür und inspiziert, auf seinen Rollator gestützt, den Hof. Im Winter muss das Eis auf der Wanne unter der Regenrinne zerschlagen werden, damit die Enten trinken können. Willi schaut nach den Hühnern im Stall, ruft bei schlechtem Wetter die Katzen herein. Er unternimmt hier und da sogar kleine Ausflüge auf die Wiese, zu den wuchernden Brombeeren und dem verwunschenen Gartentor.

Die beiden Filmemacher nehmen die Unordnung, die Verwahrlosung von Haus und Hof ausgiebig ins Visier. Willi scheint immer den gleichen Pullover überzuziehen, die Latzhose hängt ihm halb offen vom Körper, manchmal hat er zwei verschiedene Schuhe an den Füßen. Aber der alte Mann scheint zufrieden, mit sich und seinem Leben im Reinen zu sein. Wenn sich die Filmemacher aus dem Off beklagen, dass der Weg zum Obstbaum zugewachsen ist, widerspricht Willi mit dem Ton des Erfahrenen, der seinen Hof in- und auswendig kennt.

Willi hat ein Telefon, einen Fernseher, ein Radio, mehrere Uhren, die nicht alle gehen. Mehr als die Welt der Menschen aber interessiert ihn, wenn er im Sommer vor der Tür sitzt, der Blick zum Himmel. Willi bewundert die Schwalben, die so viele Stunden am Tag unermüdlich fliegen. Von Zeit zu Zeit beginnt Willi ein wenig von früher zu erzählen, er war Soldat im Krieg, er hatte eine Frau, er konnte gut schwimmen, traute sich sogar, den italienischen Fluss Po zu durchqueren. Die Erinnerungen wirken ähnlich zerrissen, ungeordnet wie die Dinge in diesem Haus, in dem sich Willi dennoch zurechtfindet.

Je länger man den Hühnern draußen zuschaut, denen der Verfall nichts auszumachen scheint, desto mehr versöhnt man sich auch mit diesem. Willi und seine Tiere tun, was sie wollen. Die Filmemacher drehen mit Super-8- und 16mm-Kameras, manchmal hört man das Surren, immer wieder brechen die Aufnahmen ab, die Leinwand bleibt zwischendurch schwarz. Dieser ebenfalls unordentliche, aus der Zeit gefallene Modus spiegelt die Schwierigkeit, sich in dieser Umgebung zurechtzufinden. Und natürlich auch die Distanz der Filmemacher zum Protagonisten. Denn auch sie wissen wohl nicht, was sie von diesen Lebensumständen halten sollen, außer, dass sie das kleine Glück der Entschleunigung verheißen.

Fazit: Der Dokumentarfilm von Ann Carolin Renninger und René Frölke beobachtet den Alltag eines alten, allein lebenden Mannes auf dem Land im Wechsel der Jahreszeiten. Mit zunehmender Dauer gewöhnt sich das Auge des Betrachters an die Unordnung, die auf dem Hof und in den Wohnräumen herrscht, erkennt die Relativität der eigenen Wertmaßstäbe. Der Mann kümmert sich um seine Hühner, Enten und Katzen, die das Gelände in ihrem eigenen Rhythmus inspizieren. Die kontemplativen Bilder strahlen eine ansteckende Ruhe und Genügsamkeit aus.




Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.