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Kritik: Asphaltgorillas (2018)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 2 / 5

Ein neuer Buck, ein neues Genre. Nach viermal "Bibi & Tina" (2014-2017) hat der norddeutsche Kultfilmer genug vom Familienkino. Statt Reiterhöfe mischt er Berliner Hinterhöfe auf. Vom Start weg ist das unglaublich ambitioniert. Atris (Samuel Schneider) hat vor dem Gewitter in einem Durchgang Schutz gesucht. Der Regen prasselt, die Neonreklame einer Bar leuchtet, sein Joint qualmt, ein Song setzt ein. Als sich zwei Polizisten in Zivil an seine Fersen heften, be- und entschleunigen die Bilder. Dieser abrupte Wechsel der Tonlagen und Rhythmen ist exemplarisch für "Asphaltgorillas" und sein größtes Manko.

Kaum ist Atris um die Ecke gebogen und seinem alten Kumpel Franky (Jannis Niewöhner) vor den Sportwagen gelaufen, tritt Detlev Buck auf die Bremse. Eine ungeschickt gesetzte Rückblende samt Voice-over-Kommentar entführt das Publikum in Atris' und Frankys Kindheit. Zurück in der Gegenwart mäandert die Handlung gemächlich vor sich hin. Bis alle Figuren und Stränge eingeführt sind, vergeht eine gefühlte Ewigkeit. Nach der rasanten, so perfekt getimten Eröffnungssequenz – von Kameramann Marc Achenbach visuell betörend irgendwo zwischen "Drive" (2011) und "Atomic Blonde" (2017) angesiedelt – verschleppt "Asphaltgorillas" mächtig das Tempo.

Auch danach wird das Drehbuch seiner vielen Figuren und Erzählebenen nicht Herr. Der Regisseur hat es gemeinsam mit Constantin Lieb und Cüneyt Kaya ("Umma – Unter Freunden", "Verpiss Dich, Schneewittchen!") geschrieben. Um aus Ferdinand von Schirachs Kurzgeschichte "Der Schlüssel" mehr als nur einen Kurzfilm zu machen, erfindet das Autoren-Trio jede Menge dazu. Die Story wird dadurch vor allem zerfahren. Nach menschlicher Logik, aber auch in der Handlungslogik des Films funktioniert leider kaum etwas – weder die stereotypen Figuren noch deren Motivation. Die Sprüche wirken aufgesetzt, die Coolness gewollt. Am Ende türmen sich zu viele unglaubwürdige Wendungen aufeinander. Und selbst diese treibt das Skript nicht konsequent genug bis auf die Spitze.

Was Handlung und Figuren anbelangt, lassen sich Buck & Co. nicht viel einfallen. Die titelgebenden Asphaltgorillas sind muskelbepackte Kriminelle mit Migrationsvordergrund, Frankys Freundin und ihr Daddy steinreiche Russen und die Falschgeldfabrikanten hinter der polnischen Grenze selbstredend Pingpong spielende Asiaten, na klar! Atris und sein biodeutsches Pendant Franky sind hingegen vor allem eins: Arme Würstchen. Wirklich überzeugend geschrieben ist mit Bettina, deren wahrer Name Marie lautet, immerhin ein weiblicher Charakter.

Diese Unzulänglichkeiten als kreatives Chaos zu verkaufen, als bunte Vielfalt für Zuschauer, die das Unvorhersehbare lieben, wie im Presseheft zum Film geschehen, ist zu einfach. Schließlich haben andere deutsche Vertreter des Genres bewiesen, dass es besser geht. "Knockin' on Heaven's Door" (1997), "Bang Boom Bang" (1999) und "Lammbock" (2001) kommen einem in den Sinn. Schon vor Jahren surften sie erfolgreich auf der von Quentin Tarantino und Guy Ritchie losgetretenen Gangsterkomödien-Welle eine Weile mit. Ja selbst "Der Eisbär" (1998) hielt sich besser auf dem Brett als nun "Asphaltgorillas".

Bucks Film kann sich bis zuletzt nicht entscheiden, ob er sozialrealistisches Gangsterdrama, liebenswerte Gangsterkomödie oder überzogene Satire aufs Genre sein will. Das schlägt sich auch aufs Schauspiel nieder. Während Kida Khodr Ramadan und Stipe Erceg ihre Aborollen gewohnt ernst angehen, überdreht Jannis Niewöhner komplett. Das ist zwar sehenswert, will zum Rest aber nie so recht passen. Und wirklich gewagt, wie Detlev Buck behauptet, ist das alles auch nicht. Schließlich bietet er von allem ein bisschen und somit auch jeder Zielgruppe etwas. Die beachtlich starken Frauenfiguren und perfekt choreografierte Kampfszenen, die mit zum Besten gehören, was bislang im deutschen Film zu sehen war, sind für knapp zwei Stunden heillos überstilisiertes Durcheinander deutlich zu wenig.

Fazit: Detlev Bucks Abstecher ins Gangstergenre sieht grandios aus. Das nachlässig geschriebene Drehbuch samt zerfahrener Handlung und unglaubwürdigen Figuren kann aber auch all die aufgesetzte Coolness nicht übertünchen. Obwohl mächtig viel passiert, ist "Asphaltgorillas" ein klarer Fall von style over substance, also mehr Form als Inhalt.




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