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Cleopatra
Cleopatra
© Rapid Eye Movies

Kritik: Cleopatra (1970)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Wer Cleopatra als gezeichnete Figur nur aus René Goscinnys und Albert Uderzos "Asterix"-Comic aus dem Jahr 1963 und dem fünf Jahre später entstandenen Animationsfilm kennt, wird sich bei Eiichi Yamaoto und Osamu Tezuka verwundert die Augen reiben. In puncto Humor gehen die beiden Japaner mit ihren französischen Vorläufern noch konform. Ihre 1970 entstandene Bearbeitung des Stoffs richtet sich allerdings an ein erwachsenes Publikum und ist dementsprechend reichlich explizit.

Durch sein unfassbar hohes Arbeitspensum und wegweisende Serien wie "Kimba, der weiße Löwe", "Astro Boy", "Buddha" oder "Adolf" gilt Osamu Tezuka (1928-1989) in seinem Heimatland bis heute als "Gott des Manga". Ab den 1960ern betätigte sich der Starzeichner mit seinem eigenen Studio Mushi Production auch im Anime. "Cleopatra" ist der zweite Teil der Animerama-Trilogie. Wie schon der erste, "A Thousand & One Nights", (1969) und später auch der letzte, "Die Tragödie der Belladonna" (1973), ist "Cleopatra" ein wilder erotischer Mix, der Stile, Motive und Geschichten munter durcheinanderwirft. Rapid Eye Movies bringt den Film nun erstmals in voller Länge, vollständig untertitelt und in neuer Abtastung in die Kinos.

Die knapp zwei Stunden Laufzeit vergehen wie im Flug, auch weil sich Shigemi Satoyoshis Drehbuch wenig um die Handlung schert. Der Rahmen der Zeitreisenden, als Realfilm mit gezeichneten Köpfen präsentiert, ist ein äußerst dürftiges Konstrukt, um die amourösen Abenteuer der Protagonistin aneinanderzureihen. Während die Männer bis auf den Sklaven Ionius durchgängig als Waschlappen dargestellt sind, besorgen die Frauen die Erotik.

Gaius Julius Cäsar ist ein manisch-depressiver, von epileptischen Anfällen geplagter Neurotiker und stets grün im Gesicht, Marcus Antonius ein mit Komplexen und Penisneid beladener Schwächling, und der spätere römische Kaiser Augustus kommt als unterkühlter Stratege daher, der beim Anblick eines heißen Männerkörpers zur hysterischen Tunte mutiert. Cleopatra hingegen ist eine "Meisterin des Liebesspiels", die den Männern zwar reihenweise, seelenruhig den Kopf verdreht, der beim Tyrannenmord dann aber doch die Hände zittern.

Das ist mal amüsant, mal ärgerlich, sagt aber vor allem viel über die Entstehungszeit des Films aus. Die sexuelle Revolution der wilden Siebziger dient in erster Linie dazu, Frauenbrüste auf die Leinwand zu werfen und Sex in virtuose Montagen zu überführen, in denen die Körper verschmelzen. Ein wenig mehr Gleichberechtigung der Geschlechter hätte es dann schon sein dürfen. Am unterhaltsamsten ist "Cleopatra" daher immer dann, wenn die Handlung durch kleine Anachronismen aus der Zeit fällt und die Animation wie bei Cäsars Triumphzug durch Rom wilde Ritte durch die Kunstgeschichte vollführt.

Fazit: Der zweite Teil der Animerama-Trilogie ist ein wilder erotischer Animationsmix, der weniger auf eine überzeugende Handlung und mehr auf stilistische Experimente setzt. Mit den historischen Fakten hat das wenig zu tun, unterhaltsam und vor allem kurzweilig ist "Cleopatra" dennoch.




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