VG-Wort
Die Domain Spielfilm.de verwendet Cookies für funktionale und analytische Zwecke. Durch die Nutzung unserer Seite erklärst Du Dich damit einverstanden. Weitere Cookie-Informationen findest Du hier.

Ok, einverstanden!

oder
Der sechste Kontinent
Der sechste Kontinent
© Real Fiction

Kritik: Der sechste Kontinent (2018)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 5 / 5

Regisseur und Autor Andreas Pichler stammt selbst aus Südtirol, sein Heimatort Bozen liegt nur rund 40 Kilometer vom "Haus der Solidarität" entfernt. Seit den späten 90er-Jahren inszeniert er Dokumentationen fürs TV und Kino, der große Durchbruch gelang ihm 2003 mit der Doku "Call me Babylon". Für diesen Film, der sich um die Arbeit in Call-Centern dreht, erhielt er 2004 den Grimme-Preis. Vier Jahre später wurde er erneut für den Grimme-Preis nominiert. Diesmal für seinen Film "Der Pfad des Kriegers" über einen jungen Südtiroler Geistlichen, der sich in den 80er-Jahren am bolivianischen Guerillakrieg beteiligte.

"Der sechste Kontinent" macht klar, wie schnell Menschen, die bis vor kurzem noch ein geregeltes Leben mit sicherem Einkommen und stabilen Beziehungen hatten, vor dem Nichts stehen können. Und wie brutal das Schicksal zuschlagen kann. Wunderbar bringt es einer der Mitarbeiter im "Haus der Solidarität" in einem besonders intimen Moment auf den Punkt. Er sagt, dass ihm die Tätigkeit in all den Jahren Demut und Bescheidenheit gelehrt habe. Gerade, wenn er sich die tragischen Lebenswege der Menschen vor Augen führt und sieht, wie schnell sich das Leben von jetzt auf gleich ändern kann.

Dies ist eine der großen Stärken des Films: er legt seinen Schwerpunkt zwar auf das Beobachten des Miteinanders und Zusammenlebens im Haus – vom gemeinsamen Kochen bis hin zu Ausflügen in die Idylle der umgebenden Natur. Er richtet seine Aufmerksamkeit aber auch auf die Mitarbeiter und deren Ansichten. Behutsam und geduldig spürt Pichler etwa den ganz persönlichen Ängsten und Sorgen der Angestellten – zwei SozialarbeiterInnen und zwei Quereinsteiger ohne soziale Ausbildung – nach. Eine Mitarbeiterin erklärt, dass ihr im Alltag ab und an die Möglichkeit zum "Rückzug" fehle. Die Chance, mal durchzuatmen und die Probleme der Bewohner zu reflektieren. Ebenso ehrlich und offen äußern sich auch die anderen Mitarbeiter vor der Kamera.

Ganz tief taucht Pichler in das Leben und den Alltag im Mikrokosmos "Haus der Solidarität" ein. Er ist bei Team-Sitzungen dabei, begleitet Bewohner bei Bewerbungsgesprächen oder zu Vorträgen in Bildungseinrichtungen und sitzt daneben, wenn sie mit ihren Familien telefonieren. So kommen dem Zuschauer diese Menschen und ihre Schicksale sehr nah. Darunter der politische Flüchtling Ousman, der seine Familie in Afrika zurücklassen musste oder Hatem, ausgebildeter Koch, der durch die Wirtschaftskrise obdachlos wurde.

Fazit: Eindringliche, lebensnahe und unverfälschte Doku über das Leben im Südtiroler "Haus der Solidarität", die die Sorgen und Hoffnungen aller Beteiligten intensiv beleuchtet.




Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.