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Kritik: Endless Poetry (2018)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Alejandro Jodorowsky ist vieles: Schauspieler, Pantomime, Clown, Marionettenspieler, Dramaturg, Regisseur, Comicautor, Tarotmeister, Zen-Buddhist und Erfinder der Psychomagie. Seinen Filmen haftet neben all ihrer surrealistischen Kraft auch immer etwas krude Esoterisches an. Zur Kultfigur avancierte der 1929 geborene Chilene nicht zuletzt deshalb, weil er nach "El Topo" (1970) und "Montana Sacra" (1973) an der Verfilmung von Frank Herberts "Dune" grandios scheiterte und nach seinem viel beachteten Comeback "Santa Sangre" (1989) erneut Jahrzehnte von der filmischen Bildfläche verschwand.

Vor fünf Jahren startete Jodorowsky mit "La Danza de la Realidad" (2013) ein weiteres und vielfach umjubeltes Comeback. Das poetisch verspielte Drama markierte den Auftakt einer autobiografischen Trilogie. Sie ist eine Film gewordene Familienaufstellung und fungiert ganz im Sinne der Psychomagie als nachträglicher Heilungsprozess des schwierigen Verhältnisses zu seinem autoritären Vater. "Poesía sin fin", der in Deutschland als "Endless Poetry" in die Kinos kommt, bildet den Mittelteil der Trilogie. Erzählerisch deckt er den Übergang zum Erwachsenwerden bis zu Jodorowskys Emigration nach Europa ab.

Künstlerisch ist "Endless Poetry" ein Rückschritt. Mancher Kritiker beschrieb den Film als Jodorwskys bislang "zugänglichstes" Werk, eines seiner durchschnittlicheren träfe es wohl eher. Zwar hat das Multitalent auch dieses Mal wieder grandiose Einfälle, seine Filmmutter Sara (Pamela Flores) beispielsweise singt, anstatt zu sprechen, und mit seinem Dichterfreund Enrique Lihn (Leandro Taub) schreitet der 20-jährige Alejandro (Adan Jodorowsky) einmal in einer geraden Linie durch die Stadt, über Autodächer hinweg und durch Wohnungen hindurch. Doch viele der von ihm entworfenen Traumbilder kranken an ihrer Umsetzung. Die Szenen im Künstlercafé "Iris" oder in Alejandros Atelier muten wie schlecht ausgeleuchtetes Theater an. Das liegt auch daran, dass Jodorowskys zu distanzierte Einstellungen wählt, sich über die Montage nicht näher ans Geschehen heranarbeitet und dadurch die Wirkung seiner beeindruckenden Einfälle nie zur vollen Entfaltung bringt.

Jodorowskys Reise in die eigene Vergangenheit ist auch dieses Mal eine Mischung aus Surrealismus, Poetischem Realismus und Magischem Realismus mit jeder Menge Küchentischpsychologie. Wieder einmal spielen seine, nun bereits erwachsenen Söhne Brontis und Adan mit, einmal Jodorowskys Vater, einmal ihn selbst. Seine Mutter und seine Geliebte hat der Filmemacher mit derselben Darstellerin besetzt. Die Figurenkonstellation macht die Trilogie wohl auch für seine Söhne zu einer Familientherapie.

Wohin "Endless Poetry" hätte steuern können, machen die letzten zwanzig Minuten deutlich. Dann verwandelt Jodorowsky Santiago de Chile in einen bunten Karneval aus einem umjubelten Diktator, aus Teufeln, Skeletten und einem von den Massen getragenen Engel. Das ist immer noch faszinierend anzuschauen und um Längen besser als Jodorowsky von den Fans gern unterschlagene Misserfolge "Tusk" (1980) und "The Rainbow Thief" (1990). An sein starkes Frühwerk reicht "Endless Poetry" aber nicht heran.

Fazit: "Endless Poetry" ist ein mal poetischer, mal surrealistisch-magischer Blick in die Vergangenheit. Auch im Mittelteil seiner autobiografischen Trilogie hat Enfant terrible Alejandro Jodorowsky beeindruckende Einfälle. Dieses Mal krankt seine Inszenierung aber an einer zu distanzierten, teils zu theatralen Umsetzung, die seinen traumhaften Bildern die Kraft raubt.




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