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Kritik: Nanouk (2018)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 5 / 5

Im Original heißt Milko Lazarovs zweiter Spielfilm "Àga" nach der abwesenden Tochter. Der deutsche Verleih hat sich dafür entschieden, das Drama im ewigen Eis nach dem männlichen Protagonisten zu benennen, was unweigerlich Assoziation zu Robert J. Flahertys "Nanook of the North" (1922) hervorruft. Flahertys Dokumentarfilm, einer der bedeutendsten der Filmgeschichte, der hierzulande als "Nanuk, der Eskimo" bekannt ist, entfachte Jahre nach seinem Entstehen eine Kontroverse, weil sich Teile als inszeniert herausstellten. Knapp 100 Jahre später mutet Lazarovs streng komponierte Inszenierung wiederum in Teilen dokumentarisch an, ohne dabei jedoch die poetische Kraft des Kinos, die Magie der Fiktion zu vergessen.

Schon die Wahl des Formats ist eine geglückte Symbiose. Kaloyan Bozhilovs Cinemascope-Aufnahmen sind von einer ausgewählten Schönheit, wie sie nur das extreme Breitbild auf der großen Leinwand entfalten kann. Dessen abgerundete Ränder erinnern indes an alte Fotografien und bringen etwas Weiches in diese harte Welt. Aus der Erhabenheit des Kinosessels wirken die Figuren, die sich als winzige kleine Punkte vor einem endlos erscheinenden Horizont ihren Weg durch die Kälte bahnen, unglaublich zerbrechlich. Ein Familienalbum vor beängstigend-atemberaubender Kulisse.

Regisseur Lazarov, Kameramann Bozhilov und Cutterin Veselka Kiryakova nehmen sich viel Zeit, halten die perfekt kadrierten und ausgeleuchteten Einstellungen lange, passen den Schnittrhythmus dem Alltag ihrer Protagonisten an. Gemeinsam mit Nanouk (Mikhail Aprosimov) liegen auch wir im Schnee, stehen auch wir auf dem Hundeschlitten, stellen wir Fallen und angeln in Eislöchern. Gemeinsam mit seiner Frau Sedna (Feodosia Ivanova) flicken wir Netze, nähen wir eine Pelzmütze für Ága (Galina Tikhonova) und lauschen dem Knistern des Feuerholzes. Hier draußen im Eis, weit entfernt von der nächsten Stadt und anderen Menschen hat Zeit eine andere Bedeutung, hat das Leben ein anderes Tempo. Und doch holt die Zeit, holt die Zivilisation einen jeden ein.

Seit ein paar Jahren kommt der Frühling früher. Unter den Tieren grassiert eine seltsame Krankheit. Und in die eisige Stille mischen sich immer wieder die Geräusche vorbeiziehender Helikopter und Flugzeuge, die ihre Konsensstreifen am Himmel hinterlassen. Auch das Schneemobil des jungen Chena (Sergey Egorov), der den Alten als einzige Verbindung zum Rest der Gesellschaft dient, hinterlässt einen dunklen Fleck auf dem Schnee, eine Art Geschwür, das denen der Tiere und dem an Sednas Bauch ähnelt.

In den spärlichen Dialogen und den Träumen, die die Figuren einander erzählen, in den visuellen Symmetrien und Kongruenzen steckt viel Symbolisches. Sedna liebt eine Felsformation, die sie an ein Elternpaar mit Kind erinnert. Wenn sie davon spricht, dass dieses wunderschöne Gestein in alle Ewigkeit bestünde, verrät der Blick ihres Ehemanns alles. Dann wissen auch wir, dass sie ihr Kind unwiederbringlich verloren hat und dass sie nicht ewig leben wird. Erst mit Nanouks Wehklagen setzt, sehr spät in der Handlung, Penka Kounevas Musik ein. Sie greift die vom Trauernden angestimmte Melodie auf und verleiht dem ohnehin wirkmächtigen Drama eine zusätzliche emotionale Wucht. Von Streichern getragen macht sich Nanouk auf die Suche nach Ága und aus der teils kammerspielartig eingefangenen Familiengeschichte wird im letzten Akt ein Roadmovie.

Die letzte Einstellung dieses grandios fotografierten und kontemplativ erzählten Films greift schließlich die Eislöcher wieder auf, die Nanouk mal allein, mal mithilfe seiner Frau mühsam in die Erde hackt. Während sie dem Paar zum Überleben dienen, dient das Hunderte Meter tiefe Loch, in dem Nanouk und seine Tochter stehen, dem reinen Profit. Ein starker Schlusspunkt eines ruhigen Dramas über Tradition und Moderne, Isolation und Gemeinschaft, Natur und Kultur, Familie und Individualität, Ewigkeit und Vergänglichkeit.

Fazit: Milko Lazarovs "Nanouk" ist ein poetisches Drama vor spektakulärer Kulisse. Grandios fotografiert, zurückhaltend gespielt, kontemplativ und symbolisch erzählt. Mal atemberaubendes Kammerspiel in den, mal Roadtrip durch die schneebedeckten Weiten Sibiriens über Familie, Tradition und Vergänglichkeit.




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