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Kritik: Guns Akimbo (2019)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Ein kurzer Blick auf Daniel Radcliffes immer noch junge Karriere verblüfft. Untätigkeit lässt sich dem Engländer, der seine größten Erfolge als Zauberlehrling Harry Potter feierte, in der Post-Potter-Ära wahrlich nicht vorwerfen. Ganz im Gegenteil! In seinem Bemühen, sich von der ikonischen Rolle zu lösen, schießt der 1989 geborene Schauspieler wiederholt über das Ziel hinaus. Das Problem sind nicht die Bandbreite und die Exzentrik der seither gewählten Charaktere, es ist die Qualität der Filme. "Guns Akimbo" bildet leider keine Ausnahme. Die Ausgangsidee ist irre, deren Umsetzung nicht allzu verblüffend.

Das Potter-Image wollte Radcliffe schon loswerden, als die Verfilmungen von J. K. Rowlings Romanen noch in vollem Gange waren. 2007 spielte er im Theaterstück "Equus" einen psychisch kranken Stallburschen und stand dabei nackt auf der Bühne. Nach dem Ende des Franchise verkörperte er unter anderem den Schriftsteller Allen Ginsberg ("Kill Your Darlings"), einen mutmaßlichen Mörder, dem Hörner wachsen ("Horns"), einen Undercover-Cop in der Neonaziszene ("Imperium") und eine in der Imagination eines anderen zum Leben erweckte Wasserleiche ("Swiss Army Man"). Ein Programmierer, dem Pistolen an die Hände geschraubt werden, um an einem Spiel um Leben und Tod teilzunehmen, passt also prima zu Radcliffes radikaler Rollenwahl.

Doch auch dieses Mal ist der Pitch des Films besser als das Endergebnis. Nichts Ungewöhnliches für einen High-Concept-Film, also einen, der voll auf eine zündende und leicht verständliche Idee und wenig auf Figurentiefe und Charakterentwicklung setzt. Nicht selten tragen High-Concept-Filme ihre Prämisse bereits im Titel. "Snakes on a Plane" ist ein berühmtes Beispiel. Selbst wer nur mäßig Englisch spricht, antizipiert, dass es darin um Schlangen in einem Flugzeug geht. Bei "Guns Akimbo" gestaltet sich die Angelegenheit schon schwieriger. Der Begriff "arms akimbo" beschreibt im Englischen die Pose, wenn jemand die Arme in die Hüften stemmt. Mit zwei fest an den Händen verschraubten Pistolen geht das schlecht. Statt seine "guns akimbo" zu halten, feuert der von Radcliffe verkörperte Loser Miles also irgendwann drauf los.

Mehr als eine eineinhalbstündige Ballerei ist "Guns Akimbo" denn auch nicht geworden. Grotesk, blutig und ganz schön derb. Dass er ein Herz für Loser und einen Sinn fürs Schwarzhumorige besitzt, hat Regisseur Jason Lei Howden bereits in "Deathgasm" (2015) bewiesen. Darin bekamen harte Musik und die Death-Metal-Subkultur ihr Fett weg, dieses Mal haut er die Computerspiele-Industrie und einen gedankenverlorenen Online-Konsum in die Pfanne. Sozialkritisch ist das aber allenfalls in Ansätzen. Im Vordergrund steht der Spaß an der Grenzüberschreitung – peinliche Peniswitze inklusive.

Ästhetisch und erzählerisch lehnt Howden seinen in Neuseeland und Deutschland gedrehten, aber in den USA angesiedelten Film an Videospiele an: Samara Weavings Figur Nix schnupft Drogen wie Super Mario seine 1-Up-Lebenspilze verspeist, gemeinsam mit Miles kämpft sie sich von Level zu Level, nicht selten in der Ego-Shooter-Perspektive, bevor Riktor als Endgegner auf sie wartet. Das erinnert an andere Actionkomödien wie "Crank" (2006) oder "Hardcore" (2015) und liegt qualitativ irgendwo dazwischen.

Dass der Film trotz seiner hauchdünnen Handlung nicht total abstürzt, liegt an seinem schlagkräftigen und schießwütigen Gespann. Radcliffe beherrscht den nerdigen Loser, der wider Willem zum Killer mutiert, aus dem Effeff. Weaving glänzt nach ihrer Hauptrolle in "Ready or Not" (2019) abermals als resolute Heroine in einem tödlichen Spiel. Wer auf makabre Scherze steht, wird einen Mordsspaß haben. Genau so schnell, wie die amüsanten 97 Minuten an einem vorbeifliegen, sind sie aber auch wieder vergessen.

Fazit: "Guns Akimbo" ist ein grotesker, blutiger und derber Spaß. Dank zweier glänzend aufgelegter Hauptdarsteller stürzt die hauchdünne Handlung nicht völlig ab. Eine irre Actionkomödie in Videospiele-Ästhetik, die wie im Flug vergeht und genau so schnell wieder vergessen ist.




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