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Kritik: Finsteres Glück (2016)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Eine Traumapsychologin kämpft gegen die Finsternis des Todes, welche die Seele eines achtjährigen Jungen überschattet. Sie wirft ihre ganze Menschlichkeit in den Ring, holt ihn als Ersatzmutter auf Zeit in ihr Zuhause, das sie mit ihren zwei großen Töchtern teilt. Ihre Mission ist heikel, denn der Junge verleugnet den Tod seiner eigenen Familie. Nach und nach kommt ans Licht, dass die Ehe seiner Eltern zerrüttet war, auch vor dem fatalen Autounfall wurde heftig gestritten. Die Ereignisse lassen den Jungen nicht los, aber er will sich niemandem anvertrauen. Das bewegende Drama des schweizerischen Regisseurs und Drehbuchautors Stefan Haupt basiert auf dem gleichnamigen Roman von Lukas Hartmann.

Der Film hält sich eng an die Romanvorlage und verzahnt wie sie das Trauma des Kindes Yves mit dem Ereignis der Sonnenfinsternis und auch mit den familiären Problemen der Psychologin Eliane. Yves bringt eine neue Dynamik in ihre Familie. Eliane wird mit eigenen schmerzlichen Erinnerungen konfrontiert und lernt ihre Töchter von einer neuen Seite kennen. Eine kontemplative Ebene hält mit den Verweisen auf Matthias Grünewalds "Isenheimer Altar", für den Eliane schwärmt, Einzug. Der dunkle Himmel über der Kreuzigungsszene soll auf eine Sonnenfinsternis verweisen, vor der sich die Menschen im Mittelalter fürchteten. Sie wussten nicht, warum die Sonne verschwand. Ob sie für Yves zurückkehren wird, ist fraglich. Der Film findet ausdrucksstarke Bilder für die Gratwanderung ins Ungewisse, die Eliane und der Junge unternehmen. Wenn Eliane abends aus dem Fenster in den Herbstnebel schaut und dort eine Gestalt erblickt, ist nicht klar, ob sich ihr eigener Geist gerade verwirrt.

Im Roman geht es viel um die Überlegungen der Ich-Erzählerin Eliane, aber der Film verzichtet auf diesen inneren Monolog. Eleni Haupt, die Frau des Regisseurs, spielt die Psychologin als bedächtige, gefasste Person. Was in ihr vorgeht, teilt sich nur indirekt und teilweise mit oder bleibt der Interpretation der Zuschauer überlassen, deren Sinne sich in der entschleunigten Stimmung der Inszenierung schärfen. Der junge Noé Ricklin spielt Yves ebenfalls eher unspektakulär als dramatisch. Umso mehr fesselt seine Darstellung, die ein Lächeln, einen geheimnisvollen Blick, eine aufflammende Nervosität mühelos verbinden kann. Das sensible Drama zeigt eindrucksvoll, wie sehr es bei einem Heilungsprozess auf menschliche Nähe und Anteilnahme ankommt.

Fazit: In seiner bewegenden Verfilmung des gleichnamigen Romans von Lukas Hartmann setzt der Schweizer Regisseur Stefan Haupt auf eine Atmosphäre ruhiger Klarheit. Dabei könnte das Thema dramatischer nicht sein, denn eine Psychologin will einen Jungen, der als Einziger seiner Familie einen Autounfall überlebte, vor dem Versinken in emotionaler Finsternis bewahren. Gerade indem sich der innere Aufruhr der beiden zurückhaltend aber präzise gespielten Hauptfiguren nur zögerlich bemerkbar macht, entwickelt diese Handlung fesselnde Spannung.




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