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Kritik: Marvin (2018)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

In ihrer neuen Arbeit "Marvin" greift die Filmemacherin Anne Fontaine ("Tage am Strand", "Coco Chanel – Der Beginn einer Leidenschaft") Motive des autobiografischen Bestseller-Romans "Das Ende von Eddy" (2014) von Édouard Louis auf. Der 1992 in der nordfranzösischen Gemeinde Hallencourt geborene Schriftsteller schildert darin (s)eine Kindheit in einfachen Verhältnissen, welche von physischer und psychischer Gewalt geprägt ist. Das Drehbuch, das Fontaine gemeinsam mit Pierre Trividic verfasst hat, ist keine Adaption des literarischen Debüts; das Leben und das Werk des Autors dienten aber als Inspiration für eine queere Coming-of-Age-Geschichte, welche sich auch der Zeit nach dem Dorfleben widmet und auf mehreren Zeitebenen auf fragmentarische Weise erzählt wird.

In den Kindheitspassagen liefert der Leinwand-Debütant Jules Porier in der Titelrolle eine schmerzlich-intensive Leistung, wenn das Mobbing in der Mittelschule sowie das intolerante, homo- und xenophobe Denken in der ländlichen Heimat von Marvin eingefangen werden. Porier bringt spürbar zum Ausdruck, wie Marvin (auch) unter der kulturellen Armut sowie unter den rigiden Vorstellungen von (Un-)Männlichkeit in seiner Umgebung leidet – und wie er, nach vergeblichen Versuchen der Anpassung, aus der Gelegenheit, seinen bisherigen Lebensumständen zu entkommen, ungeahnte Kraft zu schöpfen vermag. Großartig ist der Moment, in welchem Marvin im Rahmen einer Improvisationsübung ein Gespräch am familiären Küchentisch nachstellt und dabei das Gebaren von Vater, Mutter und Halbbruder imitiert.

Als Studie eines wirtschaftlich prekären Milieus im Allgemeinen sowie einer dysfunktionalen Familie im Speziellen wirkt "Marvin" in Teilen zu formelhaft, lässt allerdings auch Brüche zu – etwa wenn der tyrannisch-grob anmutende Vater seinen Sohn zum Zug bringt und dabei eine überraschende Traurigkeit erkennen lässt, ehe Marvin in ein neues Dasein davonfährt. Neben Grégory Gadebois ("Angèle und Tony") als Vater zählt Catherine Mouchet ("Thérèse") als Direktorin, die dem unterdrückten Schüler mit ihrem engagierten Verhalten das Entfliehen ermöglicht, zu den schauspielerischen Glanzpunkten des Werks.

Die Selbstermächtigung des Helden setzt sich in den Szenen im frühen Erwachsenenalter fort. Finnegan Oldfield ("Nocturama") erreicht nicht ganz die Ausdrucksstärke seines kindlichen Pendants; zudem kann die kühl-distanzierte Darstellung der Liaison zwischen Marvin und dem unsensibel-übergriffigen Geschäftsmann Roland nicht recht überzeugen. Das Theaterstück, das Marvin mit Isabelle Huppert (die sich selbst verkörpert) auf die Bühne bringt, kommt seltsam prätentiös daher; überaus eindrücklich ist indes, wie sich der Protagonist im Pariser Kunstkosmos Wahlverwandte sucht und wie er sich doch noch immer in einigen Augenblicken als Außenseiter fühlt – nun nicht mehr aufgrund seines Schwulseins, sondern seiner proletarischen Herkunft.

Fazit: Ein Drama, das von dem Wunsch und der Durchführung einer völligen Neuerfindung des eigenen Lebens erzählt. Der Film weist einige Schwächen auf, lebt jedoch von starken Momenten und dem hervorragenden Debütanten Jules Porier.




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